Jerusalem, oh je, Jerusalem!

Wenn man, so wie ich, über die Zeit zusammengerechnet mehrere Wochen oder Monate in dieser großartigen Stadt wohnen durfte, kristallisiert sich ein Bild heraus, dass ihr nicht in jeder Hinsicht zum Vorteil gereicht. Angefangen mit den Erfahrungen eines jüdischen Normallebens in den sogenannten Siedlungsblöcken im Ostteil der Stadt bis hin zum 4-Sterne-Hotel im Regierungsviertel, erlebt man die unterschiedlichsten Dinge. Auch hängen die Erlebnisse davon ab, mit wem man unterwegs ist, oder ob man allein seiner Wege zieht – und welcher Ethnie man von den Jerusalemern zugeordnet wird – und hier beginnen die Probleme.

Ethnisches Profiling

Im Zuordnen von Menschen zu einer Ethnie sind sie Weltspitzenreiter, das ethnische Profiling ist eine gut funktionierende Lebensversicherung, Schublade auf, rein, dann beweise erst einmal das Gegenteil. Es funktioniert, zweifelsohne, in Deutschland ist das als Rassismus verpönt, hier ist es eine sicherheitstechnische Notwendigkeit, oder man meint, es sei so.

Es gibt einen alten hebräischen Sinnspruch der da lautet: „In Jerusalem findet man entweder Steine oder Verrückte“, und ich ergänze: „und Verrückte mit steinernen Herzen.“

Mein Vorteil/Nachteil, ich gehe hier überall als Aschkenasin durch, o.k., für mein durch wildfremde Dritte in Sekundenbruchteilen ausgemachtes Blut kann ich nichts, jeder andere übrigens auch nicht, und so gibt es Dinge, die ich allein völlig anders erlebe als in Gesellschaft von Menschen mit eindeutig europäischer Herkunft. Plötzlich stehe ich auf der falschen Seite. Das israelische Gesetz kennt keine Unterschiede zwischen den einzelnen Ethnien und Religionen, vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich – aber nicht in den Köpfen. Soviel Personal kann kein Staat der Welt aufbieten, die Einhaltung dieses Gesetzes zu überwachen, wie es hier notwendig wäre. Wertlose Buchstaben auf Papier. Das ist manchmal witzig, im Grunde aber und in der Massivität der Ereignisse eher verstörend, vor allem für die Betroffenen selbst. Ich habe noch in keiner Stadt so wenig Menschen lächeln sehen wie in Jerusalem, finstere Minen, bestenfalls gleichgültige Gesichter.

Identitätskrisen

Übrigens habe ich nie meinen Taufschein mitgenommen, könnte aber in Zukunft mal von Vorteil sein, damit mich kein christlicher Araber von der Gebetskapelle einer Kreuzwegstation in der Altstadt schroff abweist mit der Begründung, dort beteten nur Christen, Juden gewähre er keinen Zutritt. Vielleicht würde aber auch der Taufschein nichts nützen, er kann ja kein Deutsch. Schublade auf, rein, fertig, auf dieser Klaviatur spielen hier alle virtuos, und man muss verdammt aufpassen, nicht ähnlich zu kategorisieren, man lässt sich schnell mitreißen. Diskussion zwecklos. Nur bei den nichtorientalischen Christen habe ich Derartiges nie erlebt, weder auf dem Zionsberg noch anderswo, das sagt Manches über die Religion selbst, und über ihre Toleranz und ihr Menschenbild.

Ich vermeide es, hier offen religiöse oder politische Symbole zu tragen, da ich keine innerisraelischen Konflikte in irgendeiner Weise anheizen möchte, so es sich vermeiden lässt (Diskussionen auf dem Tempelberg lassen sich NICHT vermeiden, dagegen spricht mein Selbstverständnis, ich heiße ja nicht Kardinal Marx oder Bischof Bedford-Strohm). Ich bin Gast in diesem Land, und daher halte ich mich hier vor Ort aus Politik und Religion bewusst heraus.

Das Goldene Tor

Wenn man sich dem Tempelberg von der Seite des Ölbergs aus nähert, gerät man auf einen muslimischen Friedhof, der das gesamte Goldene Tor weiträumig umgibt. Mit diesem Goldenen Tor hat es eine besondere Bewandtnis, denn Es ist es, durch das der Messias nach jüdisch-messianischer Lesart am Jüngsten Tag vom Ölberg aus in seine heilige Stadt schreiten wird um auf dem Tempelberg den dritten Tempel zu errichten. Aus Angst davor und zur Abschreckung der jüdischen Priester haben es die Muslime im 16. Jahrhundert zugemauert, um dem Messias den Durchgang zu verwehren. Der christliche Messias soll der Überlieferung nach am „Palmsonntag“ durch dieses Tor auf einem Esel reitend in die Heilige Stadt eingezogen sein. Nun aber fürchten die Muslime um ihre Vorherrschaft auf dem Tempelberg, wenn sich jemand diesem Tor nähert, denn er könnte ja der jüdische Messias sein und dieses Tor auf magische Weise aufbrechen, daher ist Nähern strengstens verboten, vor allem für Juden. Für einen abendländisch aufgeklärten Menschen sind diese Gedanken schwer nachzuvollziehen, aber hier in Jerusalem bilden sie eine handfeste Faktizität, auf die sich ganze politische Systeme stützen.
Das Tor von der Ölbergseite aus:
Da mich dieser ganze religiöse Wahn nichts angeht, habe ich es also gewagt, mich sowohl von der Ölbergseite als auch von der Seite des Tempelbergs diesem magischen Tor bis auf wenige Meter zu nähern, weiter geht es nicht, da an der Ölbergseite ein hoher Zaun steht, am Tempelberg ein tiefer Graben, da das Bodenniveau heute höher liegt als zur Entstehungszeit. Unter mächtigem Gezeter der Aufpasser der Jerusalemer Waqf- jener religiös-faschistischen Organisation unter Jordanischer Ägide, die über den Tempelberg und auch über die Patriarchengräber in Hebron wacht – habe ich diese ungeheuerliche Provokation gewagt, mit dem Ergebnis hyperventilierender Moslemschergen, aber dafür ebenso kristallklarer Nahaufnahmen (Tempelbergseite s. unten). Auch hier sind Diskussionen über Diskriminierung, Rassismus und die Gleichheit aller Menschen zwecklos, diese Begriffe kommen bei Religionsfaschisten jedweder Couleur nicht vor. Auch glaubte er mir nicht, dass ich ganz sicher nicht der jüdische Messias sei. Am besten, man beachtet das hysterische Gekeife garnicht, dann hat man Zeit genug, seine Fotos zu machen, die geifernden Waqf-Leute werden einen schon nicht töten, wobei ich mir insgeheim da nicht so sicher wäre. Gottlob war immer israelische Polizei in der Nähe, da fühlt man sich gleich viel sicherer. Solange die nicht selbst eingreift, ist man auf der sicheren Seite.

Es gibt aber auch die jüdische Diskriminierung. Meine blonde europide Bekannte sah sich mehrmals der Tatsache ausgesetzt, dass orthodoxe jüdische Männer ihren Hut tief ins Gesicht zogen und ihre Hand vors Gesicht hielten, um ihren Blick abzuwehren. Ich habe es selbst beobachtet, auch anderen entsprechend typisch europäischen Frauen gegenüber. Auch DAS wirkt auf einen Normaleuropäer beleidigend und diskriminierend. Und wenn man sich die allgegenwärtige Vermüllung dieser Stadt ansieht – selbst an allerheiligsten Stätten – fragt man sich, wem hier was wirklich heilig ist – oder nur aus Prinzip heilig ist.

Jerusalem verstört

Die Spannungen in dieser Stadt sind ungeheuer, diese Stadt ist anstrengend, psychisch und seelisch schwer anstrengend, ja, verstörend. Jedem zart besaiteten Menschen sei empfohlen, die große Scheinheilige nur in einer Pilgergruppe bzw. einer sonstwie gearteten Touristengruppe zu besuchen,  denn die Gruppe bietet Schutz vor diesen verstörenden Erfahrungen. Andererseits beraubt man sich dadurch exakt dessen, was Jerusalem eigentlich im innersten ausmacht, denn es sind genau diese Erfahrungen, die ich an dieser Stadt um nichts in der Welt missen möchte. Ich liebe sie und leide an Jerusalem gleichermaßen. Man muss Jerusalem erleiden, wenn man ihre Seele spüren will.  Alles andere kratzt nur an der Oberfläche. Schon ihr hebräischer Name zeugt von dieser bipolaren Spannung, Yeruschalajim, ירושלים die Stadt zweier Frieden – oder zweierlei Verständnis von Frieden.

Betrug im großen Stil

Aber auch Touristengruppen haben ihre lieben Schmerzen, denn der Betrug tobt sich in der Altstadt im ganz großen Stil aus. Warum die Israelischen Behörden völlig untätig sind, entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich aus Angst, wie so vieles hier aus Angst geschieht oder unterbleibt – ebenso wie die Rückgabe des Tempelbergs nach der Blitzeroberung durch Israel aus Angst an Jordanien, ein schwerwiegender Fehler meiner Meinung nach.

Ein einfaches Beispiel für organisierten Betrug: Die Araber in der Altstadt bieten Unmengen an Halstüchern jedweder Machart an, aber in einem sind sie sich alle einig, echtes Kaschmir, echte Seide, alles echt. Manche wollen hunderte von Schekel dafür, andere gar tausende (ein Euro entspricht pi mal Auge etwa 4 Schekel). Die meisten dieser Tücher bekommt man auch in Deutschland, für Summen zwischen 5 und 10 Euro. Schaut man sich die Tücher genauer an, prangt ein großes Echtheitszertifikat in Sachen Kaschmir an prominenter Stelle. Schaut man aber noch genauer, findet man einen winzig kleinen Waschzettel, made in China, 70 % Acryl, 30 % Baumwolle oder ähnliche Kombinationen. Ähnlicher Nepp erwartet einen bei vielen anderen Waren. Die Araber sind penetrant, sie sprechen alle und jeden an, von denen sie sich Geschäfte erhoffen, Überrumpelungstaktik, möglichst nicht denken, nur kaufen. Touristengruppen – vor allem Christen- werden wie Vieh von ihren Führern durch die Altstadt getrieben, da schaut man beim Schnellkauf von Souveniers für die Liebsten eben nicht so genau hin. Darauf genau spekulieren die Händler. Auch dabei funktioniert das ethnische Profiling mit erstaunlicher Trefferquote. Diese Masche ist ein paarmal ganz lustig, irgendwann geht sie einem nur noch fürchterlich auf die Nerven. Wenn ich ihnen ein paar knackige Worte Hebräisch um die Ohren haue, habe ich Ruhe.

Hebräisch für Hebräer

Überhaupt Hebräisch. Beherrscht man diese Sprache, was man hier von mir wie selbstverständlich erwartet – jede Ansprache erfolgt auf Hebräisch –  ist sie wie ein Türöffner, beherrscht man sie nicht, hat man mancherorts schon verloren. Wenn mir der ein oder andere Begriff abgängig ist und ich auf Englisch zurückgreifen muss oder umschreibe, werde ich schon schief angeguckt, als Hebräer hat man schließlich Hebräisch zu können. In dieser Härte habe ich das bislang immer nur in Jerusalem erlebt. In den Touristenzentren klappt es meist für Touristen auf Englisch – bis auf Schabbat, wegen der dann diensthabenden bildungsfernen Araber. In den Dörfern oder gar auf dem Golan hilft auch das nichts mehr, selbst die Wegweiser sind dann nur noch auf Hebräisch. Aber hierher verirren sich kaum Touristen, und wenn, dann nur in der Gruppe mit einem entsprechenden Anführer.

Wollen Sie die Heiligen Stätten nur sehen, kommen Sie in einer Gruppe, wollen Sie Israel erleben und erleiden, dann reisen Sie allein. Zur Liebe gehört das Leiden – vor allem auch in Israel.

Das Goldene Tor:

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2 Antworten zu Jerusalem, oh je, Jerusalem!

  1. Cayceportal schreibt:

    Super Schilderung – ja, Jerusalem verstört. Wenn man ein, zwei Tage da ist, sieht man nur das fremdländische, faszinierende. Ein längerer Aufenthalt geht tiefer – viel tiefer …

  2. Pingback: VIDEO: Rundgang auf dem Tempelberg | Henny Jahn הני יאן

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