Die Mysterien des Karfreitags, Teil 3

„Und es war schon um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, weil die Sonne aufhörte zu scheinen; der Vorhang des Tempels aber riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist! Und als er dies gesagt hatte, verschied er. “ (Lk 23,44 ff)

Was bedeutet das? Hinter dem Vorhand war das Allerheiligste verborgen, der Vorhang trennte den heiligen Bezirk des Tempels vom Allerheiligsten. Es war derjenige Bezirk, den nur ein Hohepriester einmal im Jahr, zu Jom Kippur, betreten durfte, um zu opfern und den Vorhang mit Blut zu besprengen (Lev 16,2.12–15) Dies geschah, um die Vergebung der Sünden des Volkes Israel zu erbitten. Das Allerheiligste, die Stelle zwischen den beiden Cherubim auf dem Deckel der Sühneplatte der Bundeslade, der Gnadenstuhl, galt als der Wohnsitz Gottes auf Erden. Die Bundeslade gilt seit dem 6. Jahrhundert vor Christus unter der Verschleppung der Israeliten durch Nebukadnezar II. als verschollen und hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach daher auch nie im Herodianischen Tempel, dem II. Tempel, befunden. Ob den Zeitgenossen Jesu diese Tatsache bewusst war, ist mir unbekannt. Das eigentliche Allerheiligste also wurde lediglich durch den Vorhang ersetzt, das Mittel (der Abgrenzung) war zum Zweck erhoben, denn er war es, der mit Blut besprengt wurde. Ein typisch religiöser Fallstrick, dem viele Religiöse aller Religionen erliegen: Die Form wird Selbstzweck.

Durch den gewaltsamen Tod Jesu aber wurde nun der Zugang zum Allerheiligsten – zu ihm selbst – frei, der Vorhang zerriss auch im übertragenen Sinne des Wortes und war nun nicht mehr nötig. Man beachte, dass der Vorhang VOR dem Tod Jesu zerriss, als er gesagt hatte: “ Es ist vollbracht“! In diesem Moment war die Sünde getilgt und der Besprengungsritus fortan überflüssig.

Die Berührung der physischen Bundeslade soll zum sofortigen Tod geführt haben. Diejenigen aber, die Jesus im Glauben berührten, wurden geheilt. Der Aufstellungsort der Lade im Salomonischen Tempel war der Überlieferung nach diejenige Felskuppe, auf der Abraham seinen Sohn Issak auf Geheiß Gottes beinahe schlachtete (auf der heute der Felsendom steht, der genau diesen Felsen umbaut). Gott wollte die bedingungslose Treue Abrahams prüfen, gebot aber der Opferung Isaaks rechtzeitig Einhalt und zeigte Abraham stattdessen einen Widder zum Opfer. Auch hier wieder im Widder ein früher deutlicher Hinweis auf das letztgültige Schlachtopfer, das „Lamm Gottes“, das in Jesus zur Vergebung der Sünden geschlachtet wurde.

Nach einer im Protoevangelium des Jakobus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. enthaltenen Legende war die Jungfrau Maria, Jesu Mutter, mit der Herstellung des Tempelvorhangs beschäftigt, als ihr der Engel der Verkündigung des Herrn erschien. Auch dies reiht sich nahtlos in die Vorstellung von der Aufgabe des Vorhangs ein: Maria als Mitwirkende des Heilsplanes Gottes.

Nach dem Tod wurde Jesus vom Kreuz abgenommen und von seinen Leuten gesalbt, in Leinen gehüllt und in ein Felsengrab gelegt, wie es damals bei jüdischen Begräbnissen üblich war. Unüblich aber war es, dass ein Kind in einem Stall geboren wurde und ebenfalls in derartige Leinentücher gehüllt wurde. Lukas 2, 12: „Und dies sei euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Warum ein Zeichen und wofür? Es war bereits ein Hinweis auf Jesu Tod. Diese Windeln waren nicht die Windeln eines (modernen) Kindes sondern die Leichentücher der damaligen Zeit. Auch die Krippe, vermutlich ein ausgehauener Steintrog für das Vieh, war ebenso Ort einer Leichenbettung (s. Gartengrab) aber kein Aufbewahrungsplatz für einen Säugling. Hier wird schon deutlich, dass Jesu einziger Geburtszweck war, zu sterben. Hierin unterschied er sich von allen anderen Menschen, die geboren wurden, um zu leben. Das alles hat nichs mit den rührseligen Kitschdarstellungen in Weihnachtskrippen gemein.

Wer heute in Jerusalem die Grabeskirche besucht, wird sich schwer vorstellen können, dass dort sowohl das Grab als auch Golgatha, der Kreuzigungsfelsen, überbaut sind. Jedenfalls übersteigt diese dann aber bis zur Unkenntlichkeit entstellte Stätte meine Fantasie in diese Richtung erheblich.

Das Gartengrab aber, nördlich des Damaskustores auf dem vermuteten Kalvarienberg, das viele nichteuropäische Christen für die wirkliche Begräbnisstätte Jesu halten, scheint da viel authentischer. Die Felsenklippe mit dem darunter befindlichen Höhlengrab in Form eines überdimensionalen Steintrogs bedarf keiner großen Fantasie mehr, sich die Geschehnisse des Ostermorgens vorzustellen. Letztendlich ist es auch müßig und unerheblich, darüber zu spekulieren, wo die authentischen Stätten sind. Wichtig ist, DASS es geschehen ist.

Eine interessante Begebenheit ist die Sache mit dem Titulus, der Tafel, die Pontius Pilatus über Jesu Kopf am Kreuz anbringen ließ. (Joh 19,19–22) In drei Sprachen ließ er die Tafel beschriften, weithin sichtbar, um die vermeintliche Schuld des Gekreuzigten zu proklamieren. Das gefiel den Hohepriestern nicht: „Da sagten die Hohepriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.“ Wenn man bedenkt, WAS dort tatsächlich auf Hebräisch gestanden hat, ist es aus Sicht der Hohepriester förmlich ein Sakrileg, denn die Anfangsbuchstaben jedes der vier hebräischen Worte ergeben den Namen Gottes: Jahwe יהוה . Die Anfangsbuchstaben konnten vor allem im damaligen (biblischen) Hebräisch durchaus als Synonym für einen ganzen Satz gelten, der gleichzeitig auch einen eigenständigen Begriff darstellte. Auf diesem Hintergrund war es den Hohepriestern natürlich ein Dorn im Auge, dass der unnennbare, unschreibbare Hauptname Gottes weithin sichtbar ausgerechnet über dem Kopf Jesu stand, den sie doch eben nicht als Messias und Gottes Sohn anerkannten. Ausgerechnet der Heide Pontius Pilatus aber sagte: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“  Und so hat sich die Absurdität bestätigt, dass die Heiden Jesus annahmen, sein eigenes Volk aber, zu dem er gekommen war, auf breiter Basis nicht. So ist es bis auf den heutigen Tag: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1, 11)

Titulus

Der erste Palmsonntag im Jahre 30 >>>

Teil 1, Mysterien des Karfreitags >>>

Teil 2, Mysterien des Karfreitags >>>

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