Bekenntnisse einer Kirchenmusikerin

Vor etwa einem halben Jahr bekam ich einen Riesenschrecken, als mein Dienstvorgesetzter mir verkündete, dass die Einrichtung einer sogenannten Leuchtturmstelle mit 100% Beschäftigungsumfang für einen Kirchenmusiker in unserem Pfarrverbund angedacht sei.

Ich hatte interpretiert, dass meine jetzige Teilzeitstelle in ebendiese umgewandelt werden solle und ich quasi die Wahl hätte, sie anzunehmen oder zu gehen. Nein, gottlob ein Irrtum. Würde mir stattdessen jemand vor die Nase gesetzt? Auch falsch. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich könnte mich auf die Stelle bewerben (sie liegt genau in meiner Qualifikation) oder alles beim alten belassen (unkündbar bin ich formaljuristisch ohnehin). Ui, große Erleichterung. Mit so einer Stelle hätte man mir vor 20, 25 Jahren kommen können, als ich noch glaubte, so etwas wie eine Vollblutmusikerin zu sein – glaubte.

Mal überlegen: Mein letzter Konzertbesuch war auch etwa vor 20 Jahren, mein letztes Konzert gegeben habe ich vor etwa 5 Jahren, und das auch nur widerwillig wegen eines Gemeindejubiläums. Was ist eigentlich geschehen, dass sich das gewandelt hat? Ich weiß noch, dass es viele Jahre gab, in denen mein Leben aus schwarzen und weißen Orgeltasten bestand. Nach etlichen Stunden Literaturstudium (der Laie sagt schlichtweg Orgelüben dazu) fiel ich abends halbtot ins Bett und sprach von einem erfüllten Tag. Chöre leiten gehört zu einem Großteil zu meinem Beruf, gemocht habe ich es schon im Studium nicht. Ich bin ein Perfektionist, der weder willens noch in der diplomatischen Lage ist, Laien seine künstlerischen Ambitionen aufzudrängen, ohne ihnen dabei den Spaß an der Sache zu nehmen. Eine Chorprobe wird bei mir entweder zum Exerzierplatz oder zu einer anarchistischen Veranstaltung, ein Zwischending bedarf bedingungsloser Menschenliebe und Diplomatie, beides kennt bei mir seine Grenzen. Dasselbe in verschärfter Form bei Kinder- und Jugendchören und –Musikgruppen, ganz abgesehen davon, dass mir der Stil deren bevorzugter Musik absolut nicht liegt, weil mir der mystische Aspekt fehlt und das Ganze etwas von Naivität an sich hat. Konzertreihen organisieren, sonstige organisatorische Aufgaben, all das gehört zu solch einer Leuchtturmstelle, da hätte ich gleich Manager werden können. Die musikalische, eierlegende Wollmilchsau sozusagen.

So hat sich im Laufe von 30 Jahren meine Kirchenmusikerstelle zu dem entwickelt, was sie heute ist, und das ist für mich ideal – bis auf das liederliche Provisoriumsörgelchen in der Hauptkirche, aber das kann sich ja jetzt dank Sponsoring durch Paderborn schlagartig ändern  – wobei „schlagartig“ immer noch eine Planungsphase von mehreren Jahren nach sich zieht. Paderborn scheint überhaupt viel Geld zu haben, da nun im Erzbistum plötzlich 30 solcher Leuchtturmstellen angedacht sind, die zu einem Gutteil von Paderborn finanziert werden. Bislang hatte ich den Eindruck, dass man gerade im Erzbistum Paderborn seit Jahrzehnten die Kirchenmusik systematisch kaputtwirtschaftet, indem man Laien und Ehrenamtler auf die Orgelbänke wünscht, Stellen wegrationalisiert, war ja auch billiger als studierte Kirchenmusiker. Woher diese neuerliche Kehrtwende nun plötzlich kommt, entzieht sich meiner Kenntnis, da kann ich nur mutmaßen, und das tue ich an dieser Stelle wegen meiner Loyalitätsverpflichtungen meinem Dienstgeber gegenüber in tiefergehendem Maße nicht. Nur so viel: Für mich hat es etwas von Aktionismus, ist aber reine Privatmeinung. Ich schrieb ja schon des Öfteren über den Zusammenhang zwischen Aktionismus und Heiligem Geist. 30 Jahre Kirchendienst hinterlassen ihre Spuren im Erkennen von Zusammenhängen dieser Art.

Ach ja, der „Vollblutmusiker“. Für mich klingt dieser Begriff heute wie „Fachidiot“. Ich bin ein Mensch mit vielfältigen Interessen, auch mit vielfältigen künstlerischen Interessen, die ich gern auslebe. Seit einiger Zeit ist die Fotografie hinzugekommen, die mir in vielerlei Hinsicht sehr viel gibt, sie hat etwas Meditatives, da kann ich alles um mich herum vergessen und ganz im Motiv versinken. Das gibt mir die Musik schon lange nicht mehr. Und Israel, natürlich, Israel. Das hat nichts mit Kunst zu tun, aber Israel bedarf sehr viel meiner Zeit, und das ist übergeordnet wichtig. Ich habe schlichtweg keine Zeit für eine Vollbeschäftigung, klingt komisch, ist aber Fakt.

Derzeit – ich wollte es eigentlich noch nicht verraten –  arbeite ich an einigen Bildbänden und habe dazu einen Verlag gegründet, aber das ist ein weiteres Kapitel.

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