Die neu-deutschen Antisemiten

In der letzten Woche berichtete ich über die Veranstaltung mit Arye Sharuz Shalicar zu seinem Buch „Der neu-deutsche Antisemit“. Mir gingen zu diesem Thema und zu den anschließenden Gesprächen unzählig viele Gedanken durch den Kopf, die ich kaum geordnet bekomme, da sie mich in ihrer Fülle und in ihrer letzten Konsequenz überfordern. Einige möchte ich aber doch hier darlegen.

Jüngst gratulierte der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem iranischen Mullahregime zum 40. Jahrestag der islamischen Revolution. DAS ist eine Spielart des neudeutschen Antisemitismus. Abgesehen von täglichen Hinrichtungen wegen Apostasie, Homosexualität, freier Meinungsäußerung, all den Dingen eben, die eine Demokratie erst demokratisch machen. Ich habe Steinmeier geschrieben, er solle sich dafür schämen und nicht auch noch in meinem Namen gratulieren. Widerwärtiger geht es nicht. Aber wer Kränze vor Terroristengräbern (Arafat) niederlegt, dem ist auch diese Art der Arschkriecherei nicht fremd (Entschuldigung, mir fällt kein passenderes Wort ein).
Ich weiß, warum ich die meisten deutschen Politiker so verachte. Morgens Kränze für tote Juden ablegen und abends mit einem Terrorregime schmusieren, das behauptet, Israel würde nicht soviele Gräber finden, um seine Toten zu begraben, wenn man endlich Schluss mache mit diesem „zionistischen Gebilde“. Irgendwie blenden viele unserer Politiker dieses Problem erfolgreich aus. Phänomenal, wie man soetwas anstellt. Deutschland kann nicht einerseits die Sicherheit Israels zur Staatsräson erheben und gleichzeitig mit dessen ärgstem Feind anbandeln. Taten zählen für mich mehr als Worte, und so weiß ich, dass Israel im Ernstfall auf Deutschland nicht zu bauen braucht. Ich sage zu Steinmeier: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Arye sagte auf meine Frage, wie Israel damit umgehe, dass ein deutsches Staatsoberhaupt 80 Jahre nach dem Holocaust vor dem Grab eines Mannes, der etliche jüdische Leben auf dem Gewissen hat, Kränze ablege, sinngemäß: Man gehe damit professionell um und sähe es als eine Art Konvention, da Deutschland ja immer noch fest an die Zwei-Staaten-Lösung glaube und daher solche Gesten den Palästinensern gegenüber mache. O.k., eine andere Antwort hatte ich in der Öffentlichkeit kaum erwartet, aber er ließ durchaus auch durchblicken, dass Israel koche vor Wut und Deutshland als Freund im Grunde abgehakt hat. Es sind fatale Signale, die von Deutschland ausgehen, denn gerade Deutschland wird von den Palästinensern sehr genau beäugt, schon der „geliebten“ gemeinsamen Geschichte in Punkto Husseini und Hitler wegen. Darauf sind viele Palästinenser stolz.

Der jüngst verschiedene Karl Lagerfeld hat eine verwandte Facette des neu-deutschen Antisemitismus klar auf den Punkt gebracht: „Man kann nicht Millionen Juden umbringen, um dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land zu holen.“ Kurz und bündig, wie dieses Genie nun einmal war.  Man muss diesen Menschen nicht mögen, aber er hat es verstanden, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Gemeint sind die arabischen Moslems. Viele von ihnen haben die Juden zum erklärten Lieblingsfeindbild, das Feindbild des Juden als Staatsräson so gut wie aller arabischen Staaten, und die Christen natürlich, schlichtweg alle, die mit Allah nichts am Hut haben, aber hier geht es um die Juden. Behauptet wird, es gehe nicht um die Juden sondern um Israel, eine fadenscheinige Schutzbehauptung, die sich bei hartnäckigem Nachfragen schnell selbst entlarvt.

Eine Entnazifizierung Deutschlands hat in Wahrheit nie stattgefunden, und jeder weiß das – oder könnte das wissen. Wie auch, man hatte ja nach dem Krieg kaum anderes erfahrenes Führungspersonal als die altgedienten Nazis. Ein paar Jahre lang ließ man Gras darüber wachsen in der Hoffnung, dass nicht irgendein Kamel dieses Gras wieder abfrisst. Nun, es frisst aber jetzt fleißig und ist heute hungriger denn je, denn der alt-deutsche Antisemit ist nie ausgestorben, er hat sich nur versteckt. Diejenigen Moslems, die ihren Judenhass des Öfteren mal wie ein Banner vor sich hertragen, haben diesen urdeutschen Antisemiten lediglich den Mut gegeben, sich zu outen. Der neudeutsche Antisemit ist heute vor allem links zu verorten, fein getarnt und organisiert in sogenannten Menschenrechtsorganisationen (BDS, kirchliche Vereine und Co), die ja angeblich nur die armen schwachen Palästinenser unterstützen gegen die angeblich überstarken, von den USA hochgerüsteten Zionistenjuden. So wird Antisemitismus heute politisch korrekt salonfähig. Die 68er Bewegung, eine klar linke Bewegung, deren Schwung bis heute nachwirkt, hat nicht nur die RAF hervorgebracht, deren Terrorakte vor allem von den sogenannten Palästinensern befördert wurden und ohne deren Trainingscamps vermutlich nie hätten stattfinden können, sondern ist ein Faktum, das heute gern übersehen wird.  Auch Leute wie die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles schmusierten und posierten bereits mit Arafat.

Von den rechten AfD-Leuten sind solche Sachen nicht bekannt, hier kursieren eher merkwürdige Verschwöhrungstheorien, die den europäischen Juden (Aschkenasim) das Jüdischsein absprechen mit kruden Abstammungstheorien von den (konvertierten, sklavenhaltenden) Kasachen, die zwar wissenschaftlich klar widerlegt, dennoch ein beliebtes Mittel unter AfDlern sind, die angebliche Herrschaft der Aschkenasim als vermeintlich unechte Juden in Israel an den Pranger zu stellen und die Unterdrückung der „echten“ Juden, also der orientalischen, zu unterstellen, da ja davon so wenige nur in der Politikerkaste anzutreffen seien. Das ist nichts anderes als ein Versuch, den Staat Israel zu delegitimieren. Hier spielen sich Rechte zur Schutzmacht der vermeintlich echten Juden auf, ebenso wie Linke sich zur Schutzmacht der Palästinenser aufspielen. Dass Ergebnis ist am Ende dasselbe. Eine dieser AfD-„Theoretiker“ hat mir ihren gesamten Senf in epischer Breite ausgerechnet in Jerusalem dargelegt und sitzt heute, drei Jahre nach unserer Bekanntschaft,  für die AfD im Bundestag… wie froh bin ich heute, mich auf das Angebot einer Karriere in diesem Verein nie eingelassen zu haben, denn vermutlich säße ich heute dort neben ihr.

Was viele deutsche Juden sehr schmerzt ist die Tatsache, dass sie plötzlich in erster Linie als Juden und erst in zweiter Linie als Deutsche gesehen werden. Das kannten sie bislang nicht. Sie selbst sind mit dem Selbstverständis groß geworden, zuerst Deutsche zu sein, die halt jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens sind. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Katholiken zuerst als Katholiken zu definieren und dann als Deutschen, das scheint aber für Juden nicht mehr zu gelten. Hier öffnen sich langsam tiefe Kluften, die die Risse in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Das Gleiche gilt für Menschen mit ausländisch klingenden Familiennamen, vor allem Im Ruhrgebiet häufig, die schon seit Generationen hier leben. Plötzlich werden sie nach ihrer Herkunft gefragt, obwohl das über 80 Jahre (!) niemanden interessierte, nicht einmal die Nazis.

Wo das alles hinführt, ist derzeit schwer abzuschätzen. Klar aber bleibt, dass Denk- und Redeverbote hier nicht nur nicht weiterhelfen sondern die Skepsis und die Verschwörungstheoretiker eher befördern. Man muss argumentieren und aufklären, nicht verbieten; das ist das einzige, was wohl mit diesen Dingen aufräumen könnte – vielleicht.

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