Jeshua und der Golan

Wenn man die Evangelien auf die Orte hin untersucht, in denen Jeshua/Jesus gewirkt hat, spielt neben Galiläa und Jerusalem der Golan als Schauplatz der Heilsgeschichte eine wichtige Rolle. Wer auf den Hügeln Galiläas unterwegs ist, sieht ihn immer. Er ist mit dem Hermon die höchste Erhebung Israels. Sein südlichster Zipfel bildet das gesamte Ostufer des See Genezareth, zu dem sich Jesus oft in die Einsamkeit zum Beten zurückzog.

Am bekanntesten ist sicher die Bekenntnisgeschichte von Petrus im Gebiet von Cäsarea Philippi (heute bekannt als Banias im Nordgolan), aufgrund derer die katholische Kirche das Papsttum begründet hat. Zunächst aber diese Stelle bei Markus 8, 27 ff:

Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen. Dann begann er, sie darüber zu belehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete mit Freimut darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen. Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.

Die von der katholischen Kirche angenommene Einsetzung des direkten Nachfolgers Jesu, des Petrus als erster Papst, wird von dem (spätereren) Matthäusevangelium (Mt 16, 16 ff) abgeleitet. Dort wird das obige Ereignis in Caesarea Philippi um folgendes ergänzt:

Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein. Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.

Götzenopferstätten, Cäsarea Philippi (Banias)

Höhle des Pan, Cäsarea Philippi (Banias)

Man kann nun trefflich spekulieren, warum diese in der Sache doch nach unseren Vorstellungen so wichtige Einsetzung eines Nachfolgers im ältesten Evangelium nach Markus nicht erwähnt wird.

Warum aber überhaupt dies alles ausgerechnet in Cäsarea Philippi, was veranlasste Jesus zu seiner Frage?

In Cäsarea Philippi wurden zu Jesu Zeiten und noch viel früher allerhand Götzen verehrt. In diesem Vorgebirge des Hermon waren Opfernischen und Altäre für Pan (daher der Name Banias, auch Quellort des gleichnamigen Flusses), für Nemesis und einige andere altgriechische und römische Gottheiten errichtet, die man noch heute dort besichtigen kann. Angesichts des Götzenkultes konnte er seine Jünger durchaus fragen: „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Keiner dieser Götzen hat sein Leben für die Seinen hingegeben, im Gegenteil verlangten einige auch Menschenopfer.

Des Weiteren hat Jesus gerade im Golan zahlreiche Wunder gewirkt, einige berühmte davon in und bei Betsaida. Es liegt am nordöstlichen Ufer des See Genezareth.

Mk 6,45 Gleich darauf drängte er seine Jünger, ins Boot zu steigen und ans andere Ufer nach Betsaida vorauszufahren. Er selbst wollte inzwischen die Leute nach Hause schicken.

Mitten im Gebiet der Dekapolis heilte er einen Taubstummen. Der geschilderte Bereich der Dekapolis ist der heutige Südgolan am Ufer des Sees.

Mk 7, 31 ff:
Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachten sie einen zu ihm, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.

Wieder eine Heilung in Betsaida etwas weiter nördlich:

Mk 8, 22 ff: Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht. Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war wiederhergestellt und konnte alles ganz genau sehen. Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

Danach fanden die geschilderten Ereignisse in Cäsarea Philippi statt.

Sehr bekannt ist das sogenannte Schweinewunder Jesu bei Gerasa, da er aus einem Mann Dämonen (Legion) austrieb und in eine Schweineherde fahren lies. Diese stürzte sich von der Klippe in den See Genezareth zu Tode (Lk 26, Mk 5):

Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele.Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.

Nach dem Markusevangelium, welches die Grundlage des Matthäus- und des Lukasevangeliums ist,  gab es zwei  Speisewunder, einmal die Speisung von 5000 Mann (6, 35 ff) mit fünf Broten und zwei Fischen und einmal von 4000 Mann (8, 1 ff) mit sieben Broten. Letzteres spielte sich wiederum  am Ufer des Sees im Gebiet der Dekapolis (Mk 7, 31) ab, also wiederum am Ostufer, dem Golan:

In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weit her gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher könnte jemand diese hier in der Wüste mit Broten sättigen? Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen. Die Leute aßen und wurden satt. Und sie hoben die Überreste der Brotstücke auf, sieben Körbe voll. Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.

Ein wichtiges Offenbarungsereignis ist die Verklärung Jesu (Transfiguration). Traditionell wird sie auf den Berg Tabor in Galiläa gelegt. Es mehren sich aber unter den Theologen die Stimmen, dass es der Berg Hermon gewesen sei. Zum einen folgt die Verklärung unmittelbar nach den Ereignissen in Cäsarea Philippi. Zum anderen sprechen sehr alte, außerbiblische historische Quellen direkt vom Berg Hermon als dem Schauplatz dieses Ereignisses. Eine davon ist Eusebius von Cäsarea (Maritima), gestorben um 340 n. Ch.. Er war ein spätantiker Theologe und zählt heute zu den Kirchenvätern. Seine Werke zählen zu den wichtigesten Quellen der frühen Kirchengeschichte.

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Eine Antwort zu Jeshua und der Golan

  1. Cayceportal schreibt:

    Toller Artikel und super recherchiert! Danke!

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