einige Gedanken: Grenzzäune, Leibrenten,Terroristen und Muezzins

Vor wenigen Tagen flogen wieder einmal mehrere Raketen auf Israel, diesmal hat der Islamische Staat vom Sinai aus die Stadt Eilat am Roten Meer beschossen. Wissen Sie nicht? Nein, das ist unseren großen Nachrichtensendungen auch keine Meldung wert, sind die Israelis nach allgemeiner Auffassung ja selbst schuld.

Das israelische Raketenabwehrsystem „Eiserne Kuppel“ hat die relevanten Flugkörper abgefangen, andere landeten auf unbewohntem Gebiet. Niemand wurde verletzt, und doch bleiben Wunden. Die ausgebliebenen körperlichen Verletzungen sind nur die Hälfte der Wahrheit, aber was diese ständige Bedrohung in den Menschen tatsächlich anrichtet, ist nicht zu ermessen, ich spüre es nur immer mal wieder selbst.

Im letzten Jahr lebte ich einige Wochen in Ostjerusalem, jenem Gebiet, dass hier im Allgemeinen als besetzt bezeichnet wird, in einem der Siedlungsblöcke, und dort in einem recht luxuriöseren Bereich. In der Nähe unseres Hauses, vielleicht hundert, hunderfünzig Meter entfernt, hinter einem Hügel vom Haus aus unsichtbar, verläuft eines der zahlreichen innerstädtischen Grenzwerke, die arabische Siedlungen von jüdischen trennen. Sie wurden überall dort gebaut, wo vermehrt Überfälle und tödliche Angriffe auf jüdische Bewohner stattfanden. Grenze1Ich bin dort oft gewandert, es gab im Tal ein nettes Naturschutzgebiet, das schnell darüber hinwegtäuschen konnte, dass jenseits dieses Betonwalls eine tödliche Bedrohung lauerte. Dieses Grenzwerk – und auch zahlreiche andere – habe ich mir eingehend angesehen und auf mich wirken lassen. Übereinandergeschichtete Rollen von „Natodraht“ mit messerscharfen Klingen schienen mir bereits undurchdringlich. Von der Schärfe der Klingen musste ich mich selbst überzeugen, da bin ich sehr haptisch veranlagt. Sollte man übrigens unterlassen, wenn man nicht in entsprechender Begleitung (wie ich an diesem Tag) am Grenzwerk unterwegs ist.Grenze2Grenze3

Dahinter verläuft eine zweispurige Straße, die nur für Patrouillen zugänglich ist und als Pufferzone dient. Dahinter erst befindet sich die eigentliche Grenzwand aus mehreren Meter hohem, durchgängigem Beton. Oben drauf wieder Natodraht mit Berührungsmeldern. Angeblich kann dieser Abschnitt Nachts unter Strom gesetzt werden. Dann kommt die Autobahn, von der wir trotz der Nähe nichts mitbekommen haben wegen der Wände, und auf der anderen Seite der Autobahn dasselbe, nur andersherum. Am Ende unserer Straße befand sich ein Checkpoint, den wir immer und zu jeder Zeit ungehindert passieren konnten. Ähnliche Vorrichtungen sind an vielen Außengrenzen Israels, dort weniger als Wand denn vielmehr aus mehreren hintereinandergeschalteten Zäunen, die mit Berührungsmeldern ausgestattet sind, wobei jede Stelle diese Zäune binnen kürzester Zeit vom Militär erreicht werden kann. grenze-syrienDas ist kein Spaß und keine Touristenattraktion, das ist brutaler, tödlicher Ernst, der einem zuweilen die Tränen in die Augen treiben kann, auch wenn man innerhalb Judäas und Samarias so etwas lesen muss: judenreine Zonen, fein ethnisch gesäubert (s. Foto)Tabu

Eines Nachts wurde ich von nahen Schüssen geweckt, eine kurze Salve eines MG, dann wieder Stille. „Waidmanns Heil, ein Terrorist weniger“ war mein erster Gedanke, und der zweite „Was denkst du denn da gerade, wie kannst du sowas denken, da ist womöglich gerade ein Mensch gestorben!“ am nächsten Morgen hörten wir im Radio, dass dort ein 16-jähriger palästinensischer Araber versucht hatte, mit Waffengewalt „unseren“ Checkpoint zu durchbrechen. Man hat ihn neutralisiert – ein steril-feiner Begriff für „getötet“. Ich erzählte von meinen nächtlichen Gedanken, die auf reines Unverständnis stießen nach dem Motto: „Nur ein toter Terrorist ist ein guter Terrorist“. „Ach ja ihr Deutschen, bei euch wird ein Riesenaufstand gemacht, wenn ein Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt wird weil ein Polizist schnell am Abzug war, dabei seid ihr vor lauter politischer Korrektheit gerade dabei, euch selbst umzubringen; lasst die Mörder, von derselben Marke, die uns terrorisieren, gleich scharenweise ins Land.“ Ich widersprach zaghaft, forderte mehr Differenzierung ein, Widerspruch zwecklos, die Argumentstationskette war schlüssig. Kopf vor Herz. Und die Geschichte wurde auch ein klein wenig gefeiert, gebe ich zu. Mich schauderte, erst mehr, dann weniger, aber was maße ich mir da ein Urteil an? Ich hab es gut, kann jederzeit dorthin und mich sogleich wieder feige aus dem Staub machen, sollte es politisch-militärisch zu heiß werden. Die Israelis können das nicht, sie müssen diese Spannung aushalten, ein ganzen Leben lang. Was macht das mit den Menschen? Ich fühlte mich bei meiner Abreise schlecht, sehr schlecht sogar, denn ich hatte irgendwie das Gefühl, mich mit einer komfortablen Ausrede (die Pflicht ruft)  feige aus dem Staub zu machen, rein in die Komfortzone, raus aus dem wirklich wahren Leben, das ich erst gespürt habe, als ich gewahr wurde, wie bedroht ein Menschenleben tatsächlich sein kann. Aber ich musste zurück, weil die Pflicht rief, oder das, was man als Normaldeutscher so dafür hält. Es war ein grässlicher Tag für mich. Ich habe dieses Land im Stich gelassen, obwohl ich – rational genommen – dort nichts ausrichten kann, keine militärische Ausbildung, und Orgelspielen hilft nicht gegen Terror, nur gegen den im eigenen Kopf. Die Ehrenarbeit, die ich für Israel leiste, kann ich überall leisten, wo ich einen Internetanschluss habe. Musste ich mir klar machen.

Grenze 4 Grenze 5 Grenze 6 Grenze 7Grenze 4

Einen Tag nach meiner Abreise flog wieder eine Rakete, das war während meines damaligen Aufenthalts nicht passiert. „Du musst wiederkommen, dann ist hier Ruhe“. Nein, ich bin nicht der Messias Israels, aber ich sehe doch, wie unterschiedlich die Länder sind. Dort sperrt man Terroristen aus um den Preis, dass man zahlreiche Unschuldige dabei gleich mit potentiell kriminalisiert und entsprechend „tyrannisiert“ (ich denke da an die ewigen Wartzeiten an den Checkpoints zu Stoßzeiten im Berufsverkehr für Araber, aber auch an allgegenwärtige Taschenkontrollen für quasi Jedermann vor dem Betreten öffentlicher Gebäude, Einkaufszentren, Sehenswürdigkeiten usw.). Hier in Deutschland denkt und handelt man genau andersherum. Der – vielleicht übertrieben individualisierten? – Menschenrechte wegen wird der Terrorismus als angeblich kalkulierbares und beherrschbares Risiko in Kauf genommen. Ich persönlich ziehe die israelische Variante vor. Dort habe ich mich durchweg sicherer gefühlt als in Deutschland, dafür nehme die die damit verbundenen kleinen Umständlichkeiten gern in Kauf. Ich hoffe, dass man sich in Deutschland nicht täuscht, aber ich fürchte, man täuscht sich.

Zurück zum neutralisierten Araber. Seine Mutter bekommt nun eine lebenslange, für arabische Verhältnisse komfortable Leibrente von der palästinensischen Terrororganisation, da ihr Sohn als Märtyrer für die Befreiung Palästinas gefallen ist (Muttern ist stolz wie Oskar und schlagartig eine hochangesehene Frau; diese Beisetzungen sind Happenings dort wie bei uns Karnevalsumzüge). Die diversen Terrororganisationen wiederum beziehen einen ganze Teil ihres Kapitals über dunkle Kanäle aus Geldern, die die UN als Entwicklungshilfe zu den korrupten Regierungsleuten der Palästinenser leitet – dieselben Quellen, aus denen die Terrortunnel der Hamas am Gazastreifen finanziert werden. Und letztendlich halten wir alle dieses System mit unseren Steuergeldern am Leben. Beim Bewusstwerden dieses Umstands kommt in mir jedes Mal eine rasende und ohnmächtige Wut hoch, dass ich per Steuergesetz genötigt bin, diesen Terror – im letzten gegen unsere eigenen Leute und auch gegen uns selbst – mitzufinanzieren. Wie soll ich vor Politikern Achtung haben, die dieses System am Laufen halten? Warum soll ich diese Heuchler ernst nehmen, die an Holocaustgedenktagen und Mahnmalen tote Juden mit der magischen Beschwörungsformel „nie wieder“ für ihre Zwecke politisch missbrauchen, denen die lebenden aber eher unbequem, bestenfalls gleichgültig sind?

Und ja, die Araber, unsere ungeliebten Nachbarn. Morgens um halb vier bereits begannen die Muezzins mit ihrem ersten Gebetsruf, es müssen mindestens drei oder vier gewesen sein, die etwa zeitgleich dasselbe Gebet nach derselben Melodie von ihren Minaretten herab über die Dörfer gegen die Berge sangen. Sie waren ja nicht weit entfernt, gleich hinter den Betonwällen in den Dörfern, sangen live, nicht wie hier mancherorten aus der Konserve mit schräpeligen schlechten Lautsprechern, wo das Ganze zum Gejaule und zu akustischer Körperverletzung verkommt. Und so war dieser Gesang klar und deutlich zu hören. In den Bergen hallte er mehrfach wider, und es hob eine geisterhafte Musikkulisse an, die für mich immer wieder ein einzigartiges, ja betörendes Erlebnis war, das ich durchaus genoss. Meine Gastgeber konnten dem nichts abgewinnen, was ich in ihrer Situation als durchaus verständlich empfand. so wird ein harmloser Gesang zum Politikum, eine Wand zu einem unüberwindbaren Hindernis in der Verständigung, aber gleichzeitig zum Lebensretter – Fluch und Segen liegen nah beieinander, vor allem in Israel, wo wohl kaum ein Quadratmeter Land existiert, der nicht irgendwann in der Geschichte mit Blut befleckt wurde. Dass sich das irgendwann ändert bleibt die Hoffnung, aber die Zeichen stehen in naher Zukunft dafür nicht gut.

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