Es ist soweit: Abschied von der übelsten Orgel, die ich kenne

halb ausgeräumtMan soll es nicht glauben, aber ausgerechnet auf dem miserabelsten „Instrument“, das ich je gespielt habe, verrichtete ich bis vor kurzem seit Jahrzehnten meinen Organistendienst. O.k., irgendwann wird man pragmatisch und beginnt, auch das Hässliche, Unabänderliche zu lieben, vielleicht eine Art Selbstschutzmechanismus der Evolution. Nun aber hatte die letzte Stunde dieser „Orgel“ in der Dortmunder Kirche unwiderruflich geschlagen. Es gibt schlechte Nachkriegsorgeln und noch schlechtere, aber diese hier war eine der schlechtesten (elektropneumatische Kegelladen, 1956, Sie verstehen….), eine tönende Luftumwälzanlage eben.

Sie klapperte sich durch die Gottesdienste, und als ich mit dem Kirchenmusikstudium begann und mein Prof erfuhr, dass ich auf diesem Ding übe, war seine erste Aussage: „Entweder suchen Sie sich eine gescheite Orgel zum Üben oder ich schmeiße Sie kurzerhand raus. Etwas Unkünstlerisches als diese Luftumwälzanlage gibt es unter der Sonne kein zweites Mal, Sie verderben sich ihren Anschlag, ihr Gehör und ihren musikalischen Geist“.

Histörchen
Nun, in meiner Heimatgemeinde (Dortmund-Kirchhörde) durfte ich nicht üben, weil der dortige Pastor, Norbert Tentrup, damals eine Sippenhaft-Nummer gegen mich durchzog (er und sein großkotziger wehrter Kirchenvorstand hatten versäumt, einen Architektenvertrag mit meinen Vater kirchenaufsichtlich genehmigen zu lassen, ergo wollte die Kirche ihn nicht bezahlen, Vater war finanziell der Dumme, Gerichtsprozess, Vergleich), also war ich dankbar in Hombruch bei den Nachbarn unter Pfarrer Ferdinand Schmandt im Exil gelandet, ein gutes Geschäft auf Gegenseitigkeit. Sie hatten eine billige Vertretung und ich ein Übeinstrument und nach einiger Zeit ein nettes Zubrot, um mit regelmäßigen Orgeldiensten mein Studium zu finanzieren.

Eine eigene Hausorgel hatte ich damals nur in elektronischer Form (gut, dass das der Professor nicht wusste). Eine bessere Orgel zum Studieren zu finden war nicht schwer, also durfte ich an der Hochschule bleiben und spielte in Hombruch weiterhin die Gottesdienste, unschätzbar wertvoll für praktische Erfahrungen, die kein Studium ersetzt – auch zum Missfallen des Profs. Er mochte den Spagat zwischen abgehoben künstlerischen Hirnpfürzen und dem erdigen täglich Brot des Organisten nicht. Bis zuletzt gab es bei mir kaum Leidensdruck wegen dieses Geräts, denn künstlerisch austoben konnte und kann ich mich an zig anderen Orgeln in Bochum und Dortmund. Was nicht tötet, härtet ab, das gilt auch für nervtötende Instrumente. Außerdem hätte ich jederzeit die Kirchenmusikerstelle wechseln können, aber wozu? Es gibt Wichtigeres als Orgeln, selbst für Organisten. Das Schlimmste an dem Gerät: Es klapperte wie herabfallende Knicker auf Parkett. Das tat es konstruktionsbedingt immer schon, aber früher, als riesige Gottesdienstgemeinden inbrünstig sangen und große Chöre ihren Teil dazu beitrugen, war das schlichtweg egal, weil das Teil einfach nur laut sein musste. Sie wäre sogar recht klangschön – ohne das Geklapper der Kegelventile in den namengebenden Windladen.

zur Sache
Lieblos der Länge nach an die Westwand der Kirche geknallt, damit ja die mannstarken Chöre davor genug Platz hatten, war diese Orgel das Stiefkind der Empore und nicht die Königin der Instrumente, eher so eine Art musikalischer Hinterbänkler. Das Schwellwerk war im letzten Joch des Nordschiffs untergebracht, und – man glaubt es nicht – intelligenterweise strahlten die Schwelljalousien nicht etwa ins Kirchenschiff sondern um 90° gedreht in Richtung Orgelspieltisch, etwa parallel zur Emporenbrüstung, damit dem Organisten bei vollem Werk und geöffneten Jalousien die Ohren abfallen und der Chor stimuliert wird, oder so….
Schwellwerk-1Schwellwerk-2

Schlichtweg: Die Kiste konnte vor allem eines: LÄRMEN, und das nicht zu knapp. Es gab Zeiten, da fand ich das ganz toll: Lautstärkemaximierung, Adrenalinkick, das Bunjeeseil des noch nicht reifen Musikers. Über dieses evolutive Stadium, das wohl jeder Organist irgendwann durchlaufen muss, kommen manche Organisten ihr ganzes Leben bekanntlich nicht hinaus, arme Gemeinden. Spielte man aber fein ziselierte Linien, etwa eine Bach‘sche Triosonate, ein cantabiles Adagio aus einer Mendelssohn-Sonate oder eine Echofantasie von Scheidemann, wurden die feinen Linien von dem Ventilgeklapper zerhackt wie Fleisch im Fleischwolf – und heraus kam ein kompromissbehaftet diffuser Einheitsbrei, weil man immer nur mit sehr ähnlichen Registrierungen dieses Gehacke mit einer Minimaldezibelzahl übertönen konnte/musste. Bei 29 Registern hat man dann nämlich soooo viele Möglichkeiten nicht mehr. War damals aber wohl eher egal, vielleicht spielte man sowas auch einfach nicht.

Witzig auch: Das Teil hatte einen völlig überdimensionierten Spieltisch mit drei Manualen (obwohl nur zwei mit einem Werk belegt waren) und fast 60 Registerwippen – mehr Schein als Sein also. Ob die halbfertige Kiste je größer ausgebaut werden sollte, entzieht sich meiner Kenntnis, wohl eher nicht, oder man hat das Vorhaben irgendwann ad acta gelegt.
Clemens-Orgel

Die optische und technische Ästhetik war in jeder Hinsicht diejenige einer verluderten Straßenunterführung um halb drei nachts.
Innenansicht
Ladentechnik

Orgel(nicht)könner und Orgelirrtümer
Nun, eine Orgel an sich ist ein Instrument, mit dem man beim Laien unglaublich Eindruck schinden kann – selbst, wann man nix kann, je größer und lauter die Orgel ist, desto vertuschbarer die eigenen Unfähigkeiten, ein Beispiel: Man nehme Tutti einer großen Orgel und setze sich mit dem Hintern auf die Tasten. Das schlagartig entfesselte akustische Inferno, das durch die Halle knallt, wohl ähnlich den Posaunen von Jericho, jagt dem sakral gestimmten Gläubigen, der insgeheim immer auf ein mystisches Erlebnis hofft, einen heiligen Schauer über den Rücken und entlockt ihm den prosaischen Irrtum: „Boahhhh, kann DEEEEER spielen!“ Richard Wagner nannte sowas analytisch korrekt einen Effekt als Wirkung ohne Ursache, und Paulus hätte vermutlich gesagt: Nichts als dröhnendes Erz und eine lärmende Pauke – ähm, hier: eingebautes Schlagzeug. Ich sage schlichtweg: Effekthascherei, dazu taugte die Kiste wahrlich. Vielleicht sollte sie auch mehr nie können, das ist heute nicht mehr eruierbar. Richtig gute (leise) Orgelsolo-Musik darauf machen konnte man jedenfalls nicht – und man konnte es noch nie. Ich kenne die fast 60-Jährige inzwischen 30 Jahre, und damals war sie genauso klapprig wie heute. Komischerweise hörte außer mir und ein paar Unvoreingenommen dieses Getöse damals niemand – oder sie wollten es nicht hören oder meinten, das muss so sein.

Konzertkritik
Noch im November 2014 habe ich (übrigens das erste Mal auf dieser Kiste) ein großes Konzert anlässlich der 150-Jahr-Feier der Gemeinde gespielt und endlich die ehrlichste Kritik bekommen, die mir jemals ein Konzertbesucher hat angedeihen lassen, in diesem Falle ein sehr musikweltgewandter befreundeter evangelischer Pfarrer, für den ich regelmäßig arbeite, der zum ersten Mal diese Orgel gehört hat: „Wie konnten Sie sich das auf diesem Ding da antun? Wenn ich nicht wüsste, wie gut Sie tatsächlich spielen können, hätte ich glatt an ihren musikalischen Fähigkeiten gezweifelt oder gedacht, sie seien schwer krank. Machen Sie das nie wieder, Sie schädigen sich ihren Ruf mit dieser Orgel!“ Damit ist wohl alles gesagt….. Nun, wir haben das Ding hinter uns gelassen, es hat wahrlich seinen Dienst getan.

Realsatiren
Wie gut, dass die Orgel nicht noch in letzter Minute in den Stand eines Denkmals der musikalisch-heiligmachenden Gnade erhoben wurde, da doch der größte aller Hombrucher (gar Dortmunder – oder deutscher?) Musikanten jahrzehntelang seinen Dienst völlig selbstlos hingebungsvoll darauf verrichtet hat und meines Wissens nach auch maßgeblich an ihrer Anschaffung beteiligt war. Von einem meiner diversen „Amtsvorgänger“ spreche ich bei dieser Person ausdrücklich nicht, denn sonst habe ich wieder seine Erbengemeinschaft Emil Rabe am Hals, die mir u. a. wegen genau dieses Begriffs (es gab noch zig andere „Gründe“) über einen Anwalt vergeblich eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abzuringen versuchte. Ich wüsste nicht, wann ich je in meinem Leben mehr gelacht hätte als beim Lesen des dazugehörigen Schriftsatzes. Ich hielt es ehrlich zunächst für Satire. Wie man so jemanden bezeichnen soll, der jahrzehntelang auf dem gleichen Orgelbock gesessen hat wie man selbst weiß ich nicht, vielleicht hat einer Vorschläge, vielleicht Vorläufer? Oder Wegbereiter? Keine Ahnung. Diese Erben-Leute haben im Leben bis heute noch nie ein Sterbenswörtchen mit mir gewechselt, also, ist mir zumindest nicht bewusst. Also liebe Erbengemeinschaft, bevor Du Deinem Anwalt das Auftragsbuch wieder dicker zu machen gedenkst und gutes Geld schlechtem hinterherwirfst: Es gibt für normale Menschen TELEFON, und da kann man sagen: Eh du Hirni, was Du da im Internet stehen hast, das finden wir voll Sch…, also nimms mal bitte raus, könnte nämlich am Marktwert Image unseres Dahingeschiedenen kratzen usw. usw.

Ach ja, anständige Menschen versuchen auch nicht, für ihre privaten Scharmützel anderer Leute Dienstvorgesetzte vor ihren Karren zu spannen, wenn sie sich auf den Schlips getreten fühlen, ANSTÄNDIGE Menschen….

Realitätssinn
Niemand will an irgendetwas kratzen, vor allem soll sich niemand zu wichtig nehmen. Letzteres scheint aber in manch erlauchten Personenkreisen eine hartnäckige Seuche zu sein. Fakten bleiben Fakten, das ist schlichtweg alles. Die Bilder des Techno-Ungetüms sprechen für sich, und das Techno-Tondokument, das nun folgt, ist echt und völlig unbearbeitet.(>>>MP3-Datei) Man kann sich vom eindrucksvoll-dezibelstarken Arbeiten der Orgeltechnik nun nicht mehr selbst vor Ort überzeugen, so ist die Tonaufnahme ein Klangdokument, das in spätestens drei Jahren kein Mensch mehr für möglich gehalten haben wird. Wir werden uns übergangsweise mit einen Provisorium behelfen müssen, aber auch solche Zeiten gehen vorüber, obwohl Provisorien die unangenehme Eigenschaft haben, sehr haltbar zu sein, aber es liegt ja an uns, eine angemessene gebrauchte Orgel zu finden. Für einen Neubau (ja, ich weiß, manche Pfarrer und Organisten definieren sich über organologisches Wettrüsten) plädiere ich ausdrücklich nicht, denn dank zahlreicher Kirchenschließungen gibt es hervorragende Instrumente, die auf einen neuen Wirkungskreis warten. So etwas suchen wir.

Dieses Gerät nun wird in Polen wieder zu stehen kommen. Nun kann man mit einigem Erstaunen fragen, ob der Liebegott von Polen anspruchsloser ist als der von Deutschland. Nein, das ist er nicht, aber das Bodenpersonal in Form von Arbeitskräften hat nicht das deutsche Lohnniveau. Nach meinen eigenen Schätzungen und nach dem Einholen diverser Angebote über eine Renovierung dieser Orgel für unsere Kirche war klar, dass die Kosten, die sich in diesem Fall zum allergrößten Teil als Personalkosten darstellen, in keinem Kosten-/Nutzenverhältnis stehen. Wir hätten samt Entklapperung (die von keinem Kollegen überhaupt angeboten wurde) einen mittleren sechsstelligen Betrag benötigt, ein Unding im Zeitalter von guten Gebrauchtinstrumenten. In Polen kostet der ganze Spaß etwa ein Zehntel. Damit wäre wohl zu diesem Thema alles gesagt.

Ach übrigens: Es gibt Leute, die mögen mich nicht für das, was ich schreibe: Jetzt stellt euch mal vor, die wüssten, was ich denke….

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Kirche und Orgel abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Es ist soweit: Abschied von der übelsten Orgel, die ich kenne

  1. Cayceportal schreibt:

    Ehrlich, offen, klar, dieser Artikel – ich kenne die Kiste seit meiner Kindheit und freue mich darauf, wenn unsere Kirche nun endlich ein ordentliches Instrument ganz ohne Klappern bekommt!

  2. Wolfram schreibt:

    In der Lüdenscheider Markuskirche steht ein kleines Hammer-Werk (ich lege Wert auf den Bindestrich), das mein Vater seit der Errichtung (zu Zeiten von KMD Eßrich) 1978 über 25 Jahre gespielt und gepflegt hat. Nach seinem Weggang gab es keinen Amtsnachfolger, und heute wütet da meist jemand auf einem Klavier.

    Schade, daß die Orgel zu klein ist, sie würde sich über eine liebevolle Organistin und regelmäßige Dienste sehr freuen.

    Die schlimmste Orgel, die ich je erlebt habe, steht in Straßburg, Alt St. Peter evangelisch. 1898 von Walcker gebaut, unter Verwendung des Gehäuses der dabei zerstörten Silbermann-Orgel. 1958 leichte Veränderung der Disposition durch Muhleisen, der vermutlich auch die Windmaschine einbaute. Und seitdem scheint keiner mehr was dran getan zu haben. Die Hälfte der Register geht entweder gar nicht oder hat Heuler – die aber kaum auffallen, weil die Windmaschine lärmt wie ein großer Baustellenstaubsauger.
    Da wäre was zu machen, aber keiner will es bezahlen, und so verkommt dieses Instrument weiter.

    http://decouverte.orgue.free.fr/orgues/stpivipr.htm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s