armer Organist oder: Kulturschock

Der von mir hochverehrte Albert Einstein hat mal einen guten Spruch losgelassen: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Das ist ein vernichtendes Urteil über unsere Spezies und bedarf keines weiteren Kommentars.

Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte mir neulich eine Dame mittleren Alters bei der Festmesse in einer Kirche anlässlich einer Firmung. Kirche rappelvoll, Festhochamt magna cum pompa, etliche Leute auch auf der Orgelempore, wo ich am Spieltisch der (zugegeben nicht so ganz musikalisch-künstlerisch hochwertigen) Orgel saß, immerhin aber eine echte, voll funktionsfähige Orgel. Das Wort „echt “ muss ja mitunter betont werden, da alles mit statischem Klang und Tasten inzwischen unter Orgel läuft, selbst, wenn es nur ein Brett mit Tasten oder eine Kiste ist, die auf Tastendruck entfernt sakrale Geräusche produziert. Nein, die Beweislast ist seit Jahren sogar umgekehrt, denn man muss inzwischen schon Pfeifenorgel sagen, wenn man jene großartige Königin der Instrumente meint und nicht deren billige Plagiate, die Dank technischer Raffinessen eine „täuschend-echte“ (s. Werbeprospekte einschlägiger Hersteller) Zuhörerverarsche darstellen.
Nun, jedenfalls hatte ich die fünf, sechs traditionellen Choräle nebst einigen Überbrückungsmusiken für liturgische Längen wie Firmakt, Kommuniongang, Auszug usw. zu spielen. Außerdem betätigte sich für neue geistliche Lieder nahe des Chorraums eine Band, bestehend aus besagtem Brett mit Tasten, also Keyboard (mit nachgeäfftem Klavier) und Gitarre.

Nachdem also die Riesenparty vorbei und der letzte Akkord der wuchtigen Auszugsmusik der Orgel verklungen war, kam besagte Dame zu mir und bedauerte mich eindringlich, dass ich „dieses Ding da“ (sie meinte die „echte“ Orgel) spielen müsse und nicht „so ein flottes Keyboard“. In diesem Moment rasselte mein ganzes Musikerleben wie auf dem Sterbebett an mir vorbei, und ich fragte mich, ob diese Person einfach nur strunzdumm oder kulturentwöhnt oder schlimmstenfalls beides sei, oder ob ich ein lebender Anachronismus bin, der in einer hoch technologisierten Zeit noch etwas Naturhaftes, etwas Echtes, Authentisches, Wahrhaftiges, nichts Plagiathaftes oder Künstliches zu schätzen weiß. Vielleicht ernährt diese Dame sich ja auch lieber von synthetischem Essen als von echter, naturgewachsener Kost.
Mein Gott, der Fachmann staunt, und der Laie wundert sich….

Ach ja, ich habe ihr im Halbdelirium irgendetwas erzählt von wegen: ich würde die Königin der Instrumente immer der akustischen Verarsche vorziehen. Ich hoffe, ich habe sie damit meinerseits nicht nachhaltig traumatisiert, und wenn ja, möge sie mir ob meines Kulturschocks verzeihen, sollte sie diese Zeilen jemals lesen.

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