Zweitjobs, Drittjobs, …jobs

Alle Jahre wieder – so auch jetzt vor dem Wahlkampf – gibt’s mal wieder böse Beschwörungen in Sachen Arbeitsmarkt. Da wird bedauert, dass soundsoviele Menschen im erwerbstätigen Alter soundsoviele Zweit-, Dritt und Sonstwas-Jobs haben. Ich gehöre wohl im Ansehen der Proklamatoren auch zu dieser Klientel, und ich kann mich glücklich schätzen, so viele Betätigungsfelder bedienen zu können, für die ich auch noch ordentlich bezahlt werde. Jobs habe ich schon mal prinzipiell sowieso nicht, denn dieser Begriff hat für mich im Deutschen das Geschmäckle des Unernsthaften, des notwendigen Übels, des mit halber Energie Runtergerissenen, aber sicher nicht das des Berufs im Sinne von BERUFUNG.
Wollen wir mal nachzählen: Zwei sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, einmal bei Kirchens (Kirchenmusik), dann bei der Stadt (Orgelspiel), dann als Orgel- und Orgelbausachverständige (selbständig, freiberuflich), dann als Orgelbaumeisterin (selbstständig), dann als Verlegerin (o.k., Nullsummenrechnung = Hobby), als Autorin von nischenwissenschaftlichen Büchern, ach ja, auch als Webdesignerin/Webmasterin (freiberuflich, selbständig). Die einzige, die damit jährlich zu kämpfen hat, ist meine Steuerberaterin, die das alles auseinanderklamüsern muss, damit der Fiskus seinen Teil bekommt und ich auch noch was davon habe. Das sind alles in allem mal locker sechs, sieben Tätigkeiten, die nebenbei auch mit Geldverdienen zu tun haben, und es sind alles Berufungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch, der außerdem noch mit den unterschiedlichsten Menschen an den unterschiedlichsten Orten zu tun hat, und das macht die ganze Angelegenheit hoch spannend und erfüllend. Wie monoton und narkotisierend wäre es, 40 Stunden in der Woche immer ein- und denselben Arbeitsplatz, dieselben Kollegen, dieselbe Orgel, dieselbe Kirche, dasselbe Drumrum, die ganze kleine Welt eines einzigen Arbeitsplatzes ertragen zu müssen. So spannend kann kein Arbeitsplatz der Welt sein, dass ich sowas mein Leben lang wollen würde. Das würde für mich an geistigen Inzest grenzen, vielleicht würde ich den Langeweiletod sterben, geistig verkümmern, meine künstlerischen Inspirationen würden nach kurzer Zeit schon ersterben. O.k., es mag viele Menschen geben, die die Regelmäßigkeit eines Uhrwerks brauchen, die Sicherheit, mit 30 schon zu wissen wie hoch mit 70 ihre voraussichtliche Rente sein wird. Mich würde das umbringen. Das hat etwas mit Sicherheitsbedürfnis zu tun, was auf keinen Fall schlecht ist, nur es ist eben nicht jedermanns Sache. Für mich wäre dieses Ausmaß an Sicherheit eine Einbuße an persönlicher Freihet, und so ziehe ich letztere vor. Die einzige Schwierigkeit ist die ständige Koordination, alles unter einen Hut zu bekommen, da muss ich hier und dort mal Abstriche machen, die aber unterm Strich nicht der Rede wert sind.
Komisch, dass sowas von der Politik nicht als Chance zur echten Selbstverwirklichung gesehen wird sondern stattdessen immer nur bejammert wird. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Politik, sprich die Führungselite unseres Staates, die Verameisung (guter Malocher im Sinne des Ganzen, ohne Individualität) des Bürgers wünscht und nich dessen Freiheit.

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Eine Antwort zu Zweitjobs, Drittjobs, …jobs

  1. Cayceportal schreibt:

    Tja, viele Leute meinen, der Staat müsse für sie sorgen, und der Staat fördert es durchaus – schließlich hat man die Leute damit ja gut unter Kontrolle (die gewünschte Verameisung) … Freiheit geht immer mit Selbstverantwortung einher und ich frage mich, ob an dieser Stelle „Staatsführung“ und Bürger nicht konform gehen? Selbstverantwortung ist anstrengend und vielleicht daher von der Masse nicht gewünscht, da müsste man ja anfangen zu denken und zu handeln …

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