„das ist aber unchristlich!“

Ein beliebter Totschlagsatz, wenn nämlich die sachlichen Argumente fehlen, ist eine Aussage wie diese: Das ist aber unchristlich.
Damit soll dem Gegenüber klargemacht werden, dass es gegen christliche Prinzipien verstoßen hat, dass es böse ist (was ist das eigentlich genau?) und im Umkehrschluss, dass der Sprecher dieser Botschaft ganz sicher der bessere Christ ist, sofern er einen Taufschein besitzt; eine Hybris in se also.
Was eigentlich IST unchristlich?
Menschlich sein ist immer auch christlich sein, nur unmenschlich sein ist auch unchristlich sein, und menschlich ist Vieles, sehr Vieles sogar, auch wenn das nicht immer zum Allgemeingut zählt. Zum Menschsein gehören Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten, unter Umständen sogar gesellschaftlich geächtete Aussagen und Handlungen, vor allem auch denn, wenn sie unbequem sind. Jesus hat niemanden verurteilt. Jesus, der Christus selbst – und dieser dürfte ja für die benannte Begrifflichkeit der Maßstab sein – war in mancherlei Hinsicht ein sehr unbequemer Zeitgenosse, er hat vielen Menschen fürchterlich vor den Kopf gestoßen, und er war in die Welt gekommen, um von der WAHRHEIT Zeugnis abzulegen. Genau dies aber wird bei dem Vorwurf des Unchristlichseins gern übersehen. Christlich sein heißt NICHT: Allen in den Hintern kriechen, allen nach dem Mund reden, immer grinsend durch die Gegend laufen, lieber überhaupt nichts Unbequemes sagen, duckmäusern, die Probleme nicht beim Namen nennen, den Finger bloß nicht in die Wunde legen (nach Jesu Wunsch erst unter vier Augen, dann unter ein paar mehr Augen, dann erst vor der ganzen Gemeinde – oder vor dem Gericht). Am großen Vorbild gemessen, sind diese (Un)tätigkeiten sogar gerade unchristlich.
Das Zweite Gebot lautet, Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst: Eben, genau, WIE DICH SELBST, und letztes wird von den Gutmenschappeasern gern so schnell überlesen. Um andere lieben zu können, muss man erst einmal sich selbst lieben, man selbst steht also in der ersten Reihe, erst danach kommen alle anderen. Was die 68er Herz-Jesu-Sozialisten aber aus diesem zweiten Gebot des Dekalogs gemacht haben, spottet jeder Beschreibung. Erst in Unkenntnis dieser wahren Bedeutung kann jemand auf die Idee kommen, bei der Handlung eines anderen von Unchristlichkeit zu sprechen. Wer bestimmt den Maßstab?

Wäre das Töten Adolf Hitlers wirklich unchristlich gewesen?

Es ist sogar überaus christlich und sehr wohl gewollt, den Mund aufzumachen, wenn es um das Aufzeigen von Missständen geht. Die Heiligen waren oft sehr unbequeme Zeitgenossen, die anderen einen SPIEGEL vorgehalten haben, und dieses Abbild ihrer selbst, das sie in dem Spiegel sahen, haben diese Anderen angefangen zu hassen. Und deswegen haben sie das spiegelhaltende Gegenüber umgebracht, damit sie den Anblick des Spiegelbildes nicht länger ertragen mussten.

Erst liebten sie die Heiligen wegen ihrer Klugheit,
dann verachteten sie sie wegen ihrer Unbequemlichkeit,
dann töteten sie sie, weil sie sie nicht mehr ertrugen,
dann bereuten sie,
dann verehrten sie sie,
weil sie merkten, dass sie die Wahrheit verkündet hatten

Vorsicht also mit solch leichtfertig gemachten Äußerungen, denn erst die Geschichte kann das wahre Ausmaß der Christlichkeit einer Handlung in letzter Konsequenz im Rückblick des historischen Kontextes wirklich zu Tage fördern.

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