Deutsche Orgelsachverständige

Anm.: Diesen 10 Jahre alten Text habe ich hier archiviert, dennoch ist er nach wie vor aktuell

Was ist ein Orgelsachverständiger?
Jemand, der Ahnung von Orgeln hat, meinen Sie? Nein, weit gefehlt.
Der Begriff „Orgelsachverständiger“ – oder noch hochgestapelter: Orgelexperte – ist gesetzlich nicht geschützt, und so darf sich jeder so bezeichnen, auch Sie, der/die Sie vielleicht noch niemals eine Orgel von innen gesehen haben. So hat auch die Aussage dieser Leute z. B. vor Gericht keinerlei Relevanz, denn sie könnten nicht die dazu erforderliche Qualifikation nachweisen, die z. B. ein gerichtlich bestellter und vereidigter Sachverständiger aufweisen muss –  dieser muss sogar überdurchschnittlich hohe Kompetenzen auf seinem Gebiet nachweisen können und im Bereich des Handwerks selbstredend Handwerksmeister sein.

Diejenigen Herrschaften, die sich von Kirchens Gnaden als Orgelsachverständige bezeichnen, mit amtlichem Briefkopf von Bischof oder Landeskirchenamt, sind in den allermeisten Fällen schlichtweg nichts anderes als Organisten (KMDs, LKMDs, Regionalkirchenmusiker usw. usw.), die auf einer wichtigen Orgelbank ihren Dienst verrichten, professionell Orgelspielen und Chöre leiten können, dann hörts mit den Kompetenzen in Sachen Orgel aber schon auf.

Damit sie etwas mehr von Orgeln wissen als nur das Wort „Orgel“ schreiben zu können, werden sie zu einer Alibischulung (nach Ludwigsburg) geschickt, wo sie z.B. ein oder zwei Orgelpfeifen basteln dürfen, mit vorgefertigtem Material vom Orgelbauer und unter dessen Anleitung (und oftmals tatkräftiger Hilfe) natürlich. Ich spreche nicht wie der Blinde von der Farbe, denn ich habe mir diesen Kurs zum Spaß auch einmal angetan. Einige Tage (neuerdings dreimal eine Woche lang) werden sie darüber belehrt, was der Unterschied zwischen dieser und jener Pfeifenbauart ist, der Unterschied zwischen Barock und Romantik, wie sie einen wichtig klingenden Brief an eine Gemeinde aufsetzen und das Ganze dann als Gutachten titulieren können usw. usw. Man bekommt nun nach erfolgter Teilnahme ein Zertifikat: „zertifizierter Orgelsachverständiger (VOD)“, das genauso viel Wert hat wie ein „zertifizierter Kartenleger (deutsche Esoteriker e. V.)“, reine Blenderei mit Pseudokompetenz. Man kontrolliert und bewertet sich halt selbst.

All das, was diese Leute rein fachlich wissen, können auch Sie sich, verehrter Leser, in einem Vormittag per Literatur aneignen. Wenn Sie ein Buch über KFZ-Bau lesen und einmal in einer Werkstatt mitschrauben dürfen, würden Sie sich dann als KFZ-Sachverständiger bezeichnen, nur, weil Sie Autofahren können? Das wäre lächerlich, nicht wahr? Diese Organisten aber tun genau dies in Bezug auf die Orgel.

Sie machen sich in den Gemeinden wichtig, indem sie eine Orgelfahrt organisieren, Orgelführungen veranstalten oder irgendwelche Halbwahrheiten über die Tonerzeugung bei einer Orgelpfeife erläutern (Niveau der Kenntnisse: gymnasialer Musikunterricht, Sexta… immerhin…) und somit den unbedarften Laien mit einfachen Mitteln beeindrucken und darüber hinwegtäuschen, dass sie in Wahrheit gar nicht wissen, wovon sie sprechen.

So hängen die Kirchengemeinden diesen Aufschneidern an den Lippen und glauben ihnen alles, was sie von sich geben und der Gemeinde für wichtig und gut andrehen. Schließlich müssen diese Herrschaften das alles ja auch nicht selbst bezahlen.

Dass sie in dieser Funktion keinerlei kirchenbehördlicher oder gar fachlicher Kontrolle unterliegen, ist erst der Anfang des Dramas. Der Möglichkeit für Vorteilsnahme, sprich: KORRUPTION,  ist somit Tor und Tür geöffnet, oder wundern Sie sich nicht, warum manche Landschaften mit Orgeln bestimmter Orgelbauer geradezu übersät sind, oder bestimmte Orgelbauer aus entfernten Gegenden gehäuft Orgeln fern der Heimat restaurieren, obwohl diese Orgelbauer Hunderte von km weit weg wohnen, womöglich noch aus dem Ausland kommen, in dem auch nur mit Wasser gekocht wird? Hohe Spesen werden in solchen Fällen ohne Wimpernzucken in Kauf genommen.

Nun denken Sie bitte nur nicht zu naiv, denn Bares fließt in den seltensten Fällen, weil sonst Transparency International in Kooperation mit Staatsanwaltschaft und Finanzamt auf der Matte steht. Es werden vielmehr Hausorgelteile abgezweigt (bis nach dem x-ten Projekt das gute Stück vollständig ist), CD-Aufnahmen finanziert (als Werbung fein getarnt), Konzertreisen mit allem Drum und Dran, ja sogar Bordellbesuche sollen z. B. in Dortmund zu diesem Zwecke des Öfteren schon stattgefunden haben (ja, ich weiß, ist schon etwas länger her…)

Es ist diesen Pseudosachverständigen, die ich wegen ihrer landläufigen Inkompetenz als Hochstapler brandmarke, des Systems wegen ohne Einschränkungen möglich, qualifizierte Orgelbaumeister, ganze Betriebe zu erpressen und auszusaugen, indem sie die Bedingungen diktieren, die auf nichts als auf persönlichem Geschmack beruhen und oft genug von keinerlei Realitätssinn getrübt sind von dem, was eine Kirchengemeinde wirklich benötigt.

Wenn eine Orgelbaufirma nicht mit diesen Wölfen heult, kann sie bald dicht machen, denn sie wird niemals durch Empfehlung eines dieser Pseudosachverständigen einen Auftrag erhalten. Die Gemeinden fühlen sich genötigt, diese Leute beratend heranzuziehen, weil man ihnen das einredet, dabei entbehrt dies jeder vernünftigen Grundlage, denn die Bistümer und Landeskirchen geben – verglichen an dem Gesamtauftragsvolumen – Pfennigbeträge zu einem Projekt, wenn überhaupt. Man sollte annehmen, dass Derjenige, der die Musik bezahlt, auch bestimmt, was gespielt bzw. gebaut wird. Da also Mangels entsprechender Finanzen in der Regel keine Zuschüsse von den Kirchenbehörden zu einem Orgelbauprojekt gewährt werden, ist auch nicht einzusehen, warum diese ihre Abgesandten den Gemeinden aufnötigen. Vielleicht muss man aber an dieser Stelle den klaren Menschenverstand ausschalten.

Ich kann nur jeder Gemeinde empfehlen, ohne diese Leute zu arbeiten, denn man möchte doch, dass jeder gespendete Euro in die Qualität der Orgel fließt und nicht etwa über dunkle Kanäle in die Taschen des „Sachverständigen“, der seine künstlerischen Hirngespinste auf Kosten einer ahnungslosen Gemeinde zu verwirklichen sucht. Die Kirchenämter sehen derzeit noch keinen Handlungsbedarf, ihren „Orgelsachverständigen“ den Persilschein zu entziehen, weil die Problematik dort schlichtweg nicht ankommt – oder weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Im Umgang mit Gruppen dieser „Sachverständigen“ wähnt man sich zuweilen nicht unter Christenmenschen sondern eher im Dunstkreis einer kriminellen Vereinigung.

Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, als Kirchenmusiker, Musikhistoriker oder Musikwissenschaftler ein Ergänzungsstudium mit dem Abschluss „Organ expert“ (Master of Arts) zu absolvieren. Dieses Aufbaustudium findet an mehreren europäischen Instituten statt und ist maßgebliches Ergebnis der Lobbyarbeit der VOD (Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands), um das deutsche Orgelsachverständigen-Modell auf ganz Europa auszuweiten. Die Inhalte dieses Studienganges beziehen sich naturgemäßg vornehmlich auf theoretische Belange, die wiederum nicht dazu angetan sind, praxisnahe Erfahrungen zu sammeln und späterhin Kirchengemeinden entsprechend kompetent zu beraten – eine Blase für Theoretiker, die sich mit dem MA noch wichtiger machen können als bisher. Dass dies reine Milieupolitik ist, ist offensichtlich, denn anstatt diesen Studiengang auch für Orgelbaumeister zu öffnen (was die ganze Angelegenheit wenigstens halbwegs glaubwürdig machen würde, denn man will ja angeblich die Kompetenz der OSV verbessern), bleibt man lieber unter sich, denn so funktionieren die korrupten Seilschaften besser. Nach außen hin wird dies natürlich anders begründet.

So wird das üble deutsche System exportiert, mafiose Strukturen auf ganz Europa ausgeweitet wie Metastasen eines Krebsgeschwürs. Einen gefährlichen Schmusekurs fährt in dieser Hinsicht der BDO (Bund deutscher Orgelbaumeister), der aus offenbar strategischen Erwägungen vor der Sachverständigenlobby kuscht anstatt endlich mal ein Exempel zu statuieren und diese üblen Maschenschaften zu entlarven. Auch hier natürlich reine Lobbyarbeit, denn man möchte sich die kostbaren Auftragsvermittler (sprich: Ogelsachverständige) nicht vergrätzen. Wer sich aber als gestandener Handwerksmeister zum Lohnschrauber von Organisten degradieren lässt, der muss sich nicht wundern, dass das genuine Kunsthandwerk einschließlich der eigenen Kreativität auf Dauer auf der Stecke bleibt.

Dass man keine Orgelbauer in seinen selbsterwählten Reihen wünscht, hat Tradition. Vor vielen Jahren, als ich selbst noch in der Orgelbaulehre war und von meinen Plänen sprach, mich als Orgelbauer selbständig machen zu wollen, bekam ich fortan keine Einladungen mehr zu Veranstaltungen der VOD. Auf Anfrage an den damaligen Vorsitzenden der VOD, Herrn Dr. Martin Kares, kam daraufhin eine Mitteilung, die dahingehend lautete, dass man mich nicht mehr zu Veranstaltungen der VOD einladen würde, weil dies einen Interessenkonflikt mit meiner Selbständigkeit darstelle – eine sehr kryptische Begründung, wenn man bedenkt, dass jeder kirchliche OSV, so er sich an den weit verbreiteten korrupten Machenschaften betätigt, unmittelbar in Konflikt mit seinem Dienstethos als Kirchenangestellter kommt (vom Gesetzeskonflikt mal ganz zu schweigen).
Man unterstellt der Orgelbauerzunft von Seiten der VOD ganz offensichtlich von vornherein pauschal Kriminalität – eine interessante Projektion, gegen die man sich selbst verwahrt wissen will (s. selbiges Schreiben von Herrn Dr. Kares an mich, frei nach dem Motto: Haltet den Dieb).

Was machen dann blos die zahlreichen echten Sachverständigen des deutschen Handwerks, deren Ausagen vor Gericht im Gegensatz zu denen der kirchlichen „Sachverständigen“ Relevanz haben? Sie sind nach der Auffassung der VOD offenbar alle korrupt, da ein vermeintlicher Interessenkonflikt zwischen Amt und Selbständigkeit besteht – ein hohes Ross, auf dem die Kirchenleute da sitzen.
Was ist objektiv dagegen einzuwenden, dass sich ein junger Orgelbauer wie ich damals über die Berufsschule und private Studien hinaus in der Theorie weiterbilden möchte und z. B. im Rahmen von VOD-Tagungen weitere Instrumente verschiedener Regionen kennen lernen möchte? Doch wohl nur, dass man sich bei der VOD nicht in die Karten schauen lassen will, um mit seinen Machenschaften nicht aufzufliegen – um sich nicht einen Trojaner zu fangen.

Man fragt sich, warum eigentlich die Machenschaften vieler OSV von den Kirchenleitungen scheinbar unbemerkt bleiben oder gar systematisch gedeckt werden, denn man sollte doch annehmen, dass es im Interesse der Kirchenleitungen ist, derartigen Dingen ein Ende zu setzen. Die Hauptursache wird klar, wenn man sich vor Augen hält, dass die Orgel als das wichtigste Musikinstrument der Kirche eine unmittelbare Konkurrenz zum gesprochenen Wort der Geistlichkeit im Kult darstellt. Ein erhebender Gottesdienst ohne Predigt ist denkbar – aber ohne Musik? Das Wort spricht in erster Linie den Verstand an und nicht die Seele; der Verstand aber ist nicht der Träger des Glaubens. Die Musik hingegen vermag dem Menschen Transzendenz zu vermitten, bis hin zu mystischen Erfahrungen – wenn sie gut ist. Mit dem Wort allein vertrocknet der Glaube. Eine Heilige Messe z. B. sollte zwar idealerweise allein durch die liturgischen Handlungen des Priesters selbstwirksam sein, auch notfalls ohne Musik oder auch Wort, aber die wenigen begnadeten Priester, die einen Kanal für das Heilige darstellen, sucht man leider in vielen Gemeinden vergeblich. Musik aber ist im guten Sinne interkulturell, kein guter religiöser Kultus ist ohne Musik vorstellbar, stattdessen kann die Musik allein zum Gottesdienst werden. Es hat einen Grund, warum viele Konzerte gut besucht sind (Im Gegensatz zu vielen Gottesdiensten) und die Menschen oft tief angerührt, auch die ansonsten kirchenfernen. Gute Musik kann mehr im Menschen bewegen als noch so viele Worte. Die Inflation der Worte, ihre Entwertung durch ständiges Paraphrasieren (wie inzwischen vielerorts üblich), als wenn der Gläubige unmündig sei, tötet den Geist, die Musik aber erhebt ihn. Um diese Überlegenheit weiß die Geistlichkeit und setzt manchmal sogar offen alles daran, dieses Duell durch sinnlose Anordnung für sich zu entscheiden (bloss keine langen Vorspiele, Nachspiele, keine Mixturen, wenigstens nicht in Advents- und Fastenzeit und ähnliche Witzigkeiten, fluchtartiges Verlassen des Kirchraumes durch Priester und Gefolge noch während des Schlussliedes frei nach dem Motto: „Rette sich wer kann“ und nicht: „Gehet hin in Frieden“, eine Unhöflichkeit, wenn nicht sogar das Suggerieren der Nachrangigkeit der Musik). Die Orgel als Dienstmagd des Wortes, als reiner Choralbegleiter, als wenn sie unmündig wäre. Warum sollte man sich also um dieses ungeliebte Kind, ihre Erbauer und Spieler groß den Kopf zerbrechen? Wenn schon die Organisten die personellen Hinterbänkler sind, wie dann erst ihre vermeintlichen Handlanger, die Orgelbauer? Die systematisch gezüchtete Nischenexistenz der Orgel vor allem im katholischen Bereich begünstigt das öffentliche Desinteresse an den widerlichen Machenschaften innerhalb der Institutionen. Korruption in der Kirche wird von der Öffentlichkeit folglich schlichtweg nicht wahrgenommen.

Nun wird es, lieber Leser, wie immer bei kritischen Texten, einen ganzen Haufen Leute geben, die erschreckt auffahren, sich den Schuh anziehen und nun vom Thema ablenken werden, indem irgendwo anonym feige Postings ins Internet gestellt werden über Stilfragen dieses Textes, über hineininterpretierten Futterneid, aus dem heraus jemand motiviert sein kann, über die lieben Orgelsachverständigen solch böse Sachen zu verbreiten, obwohl dieser Jemand in diesem Falle in der glücklichen Lage ist, sich seine Aufträge aussuchen zu können und selbst als (echter) Orgelbausachverständiger zu arbeiten, über allerhand Dinge, die zu Demontage und übler Nachrede geeignet sind – vor allem unter Christenmenschen in der Orgelszene ein beliebter Sport.

Anmk: In der letzten Zeit – seit etwa Mitte 2009 – erhalte ich immer häufiger Anrufe und Briefe von machtlosen Orgelbauerkollegen, die mir einerseits zu diesem häufig aufgerufenen Artikel (Anm.: Er war bis vor wenigen Tagen über eine alte Internetpräsenz von mir auffindbar, die ich nun abgeschaltet habe. Daher habe ich diesen Text in diesem Blog verewigt) gratulieren, weil sie sich rundweg darin wiederfinden, andererseits ihre Verwunderung über meinen Mut ausdrücken. Nun, es ist nicht aller Tage Abend, die Tage der kirchlichen OSV sind in jedem Falle gezählt, Dank der wegbrechenden Finanzen erledigt sich dieses Problem einfach nur durch Liegenlassen – oder durch die Staatsanwaltschaft – die Rote Liste wird ständig fortgeschrieben – und länger – und länger ….

Bitte verbreiten Sie diesen Text durch Ausdruck, Vervielfältigung, Hinweis usw. bei allen Menschen guten Willens, für die er von Interesse sein könnte. Ich bitte dabei nur freundlich um die Angabe der Quelle.
Ich bitte an dieser Stelle freundlich um Verständnis, dass ich nicht auf alle E-Mails und Briefe, die mich von vielen betroffenen Orgelbauerkollegen und anderen Menschen in dieser Sache erreichen, antworten kann, denn das wäre inzwischen einen fast tägliche Aufgabe von mehreren Stunden. Ich werde Ihre freundlichen Einladungen gern bei Gelegenheit annehmen, wenn ich jeweils in Ihrer Nähe bin. Ich bitte Sie aber, mir weiterhin belastbare Fallbeispiele – auch weiter zurückliegende – möglichst detailliert schriftlich zu schildern. Diese werden dann nach Rücksprache demnächst auf einer Extraseite anonymisiert ins Internet eingestellt, denn mir ist bewusst, dass von solchen Offenbarungen für die Betroffenen eine Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz ausgeht und weiß gehörig vorsichtig mit diesen vertraulichen Informationen umzugehen. Die Staatsanwaltschaft bedarf dann später allerdings genauer Angaben zu Ort, Zeit und Personen, damit sie entsprechend Anklage erheben kann. Zur Anzeige bringen kann ich die Vorfälle persönlich, derzeit wird erst gesammelt. Wir werden eine Lawine lostreten, die das Ausmaß der Vorfälle um Pädophilie noch in den Schatten stellt.

Diese neuerliche Ergänzung hat sich durch meine Erfahrungen der letzen Jahre ergeben, in denen vor allem der obige Text reichlich gelesen und verbreitet wurde.
Ich habe im Laufe der Jahre aufgehört zu zählen, wie viele Mails, Briefe (oft anonym) und Telefonanrufe ich (ebenfalls oft anonym – aus Angst) zu dieser Thematik von verzweifelten Orgelbauern bekommen habe. Es gibt ungeheuerliche Geschichten, über die ich inzwischen Bücher füllen könnte – ich kann es aber aufgrund der zu befürchtenden Repressalien für die Kollegen nicht tun, denn da hilft oft selbst die Anonymisierung von Namen und Orten nichts, dafür ist die Welt der Orgel denn doch zu klein, denn die Vorfälle sind allein aufgrund ihrer Umstände bestimmten Projekten von Kennern der Szene direkt zuzuordnen, eine brandgefährliche Geschichte wie gesagt, für die betroffenen Orgelbauerkollegen, denn die Hexenjagt ist hingegen aller Beteuerungen noch lange nicht vorbei. Hier geht es um nicht weniger als um Existenzen.

Mir wird hin und wieder bei aller grundsätzlichen Zustimmung Pauschalisierung vorgeworfen. Dass nicht jeder OSV korrupt ist oder an Hybris leidet, ist doch eigentlich so selbstverständlich, dass ich es nicht für erwähnenswert hielt, das sei an dieser Stelle für die politisch Korrekten mal deutlich klargestellt. Ich bin nicht politisch korrekt, denn ich bin ein selbständig denkender Mensch, der dieselbe Eigenschaft von all Denen erwartet, die diesen Text rezipieren und sich ein Urteil darüber erlauben.

Pauschalisierungen sind sicher immer problematisch, aber in diesem Falle treffen sie in der Sache nun mal einfach zu. Pauschal ist leider an den geschilderten Sachverhalten der Umstand, dass es – bis auf ein paar ganz wenige Ausnahmen – unter den kirchlichen Sachverständigen keine Orgelbauer gibt. Guter Organist zu sein reicht da einfach nicht. Aus dieser Tatsache heraus ergibt sich die Konsequenz, dass die selbst sich oft als Sachverständige bezeichnenden Kirchenangestellten lediglich beratende Funktion haben sollten (also Orgelsachberater sein sollten), nämlich in Belangen ihres ureigensten, künstlerischen Kompetenzbereichs wie z. B. der Disposition, der klanglichen Gestaltung, der Ergonomie der Spielanlage usw. Leider aber sieht das Kirchenverwaltungsrecht hierzu keine Spezifizierungen vor, das ist eines der Hauptprobleme beim Beruf des kirchlichen OSV, sie können quasi machen was sie wollen und die Orgelbauerkollegen im Extremfall zum Lohnschrauber nach eigenem Gutdünken missbrauchen. Eine der wenigen segensreichen Erfindungen als Gegenbeispiel hierzu ist die Festlegung der BDO-Spieltischnormen, an denen meines Wissens nicht nur Orgelbauer sondern auch beratend kirchliche OSV mitgewirkt haben. Leider ist das in schriftlich-verbindlicher Hinsicht aber ein Unikat. Es kann aber nicht angehen, dass die Organisten in ausführungstechnische und konstruktive Dinge hineinreden, in Materialauswahl und viele andere Dinge mehr, deren vollständige Aufzählung bei der Komplexität des Orgelbauerberufes hier uferlos wäre.

Es gibt nach meiner Beobachtung durchaus mehr Orgelbauer, die orgelspielen können  als Organisten und damit auch OSV, die orgelbauen können. Hieraus leite ich auch ein unmittelbares musikalisches Mitspracherecht dieser Orgelbauerkollegen ab; es geht mir da vor allem ums Hören. Wären die maßgeblich mitwirkenden Organisten im Hören wirklich so gut, wie sie für sich in Anspruch nehmen, sind für mich die brachialen, nervtötenden Lärmorgeln nicht erklärbar, die in den letzten Jahren landauf, landab mit einer fast perfiden Systematik häufig gebaut werden. Da liegen wohl viele OSV recht brutal daneben mit ihren musikalisch-klanglichen Vorstellungen. Irgendetwas stimmt nicht, wenn sich ein Teil der Zuhörer im Kirchenschiff während des Orgelspiels die Ohren zuhält oder man die Gemeinde bei gut besetzter Kirche nur mit dem Rückpositiv begleiten kann, weil man sonst vor dem Gottesdienst Sponsoringverträge mit Hörgeräteakustikern fürs nächste Konzert abschließen könnte.

Natürlich wird es im Gesamt eine Menge Orgelbauer geben, die vor allem rein handwerkliche Kompetenzen besitzen; die sollen wie der Schuster getrost bei ihrem Leisten, sprich Hobel, bleiben. Diese haben aber auch im Regelfall innerhalb eines Orgelbaubetriebs keine Verantwortung im Bezug auf musikalisch-künstlerische Planungen eines Instruments. Im Idealfall befruchten sich die Ideen des Organisten-OSV und des musikalisch gebildeten und begabten Orgelbauers gegenseitig. Nur so sind wohl die wirklich großartigen Orgelwerke zu erklären, die Orgel- und Musikgeschichte geschrieben haben und noch schreiben.

Natürlich gibt es auch unter den Orgelbauerkollegen schwarze Schafe. Der entscheidende Unterschied zu den kirchlichen OSV ist aber, dass der Markt solche Orgelbauer bereinigt, denn die Schwärze der Schafe kann ja im letzten nur in einer Art von Inkompetenz liegen, die gerade im kleinen Marktsegment Orgelbau drakonische Folgen hat und fast augenblicklich mit Auftragseinbrüchen quittiert wird. Das Problem löst sich also gewissermaßen schnell auf natürlichem Wege. Inkompetente OSV hingegen werden nicht bereinigt, denn es gibt keine Kontrollinstanz, die dies wie im Falle der freien Marktwirtschaft bei den Orgelbauern übernehmen würde. Wo liegt der Maßstab für OSV? Obrigkeitshörigkeit? Gefügigkeit der Kirchenbehörde gegenüber? Früchte, an denen man sie erkennt und die gegen sie oder für sie sprechen, gibt es ja reichlich, nur wird  bei schlechten Orgeln die Schuld schnell allein dem Orgelbauer zugewiesen, bei guten oft allen anderen Beteiligten. Ein berühmtes Beispiel aus meiner Nachbarschaft ist eine große katholische Orgel in Dortmund. Das Ding ist einfach nur gräßlich laut, laut deswegen, weil der derzeit mitwirkende Sachverständige ein Hörgerät trug und den Intonateur zwang, die Pfeifen aufzudrehen. Nein, das ist kein eben KEIN Einzelfall. Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Dieser Sachverständige aber wird bis heute von Dortmunder Orgelfreaks wie ein Heiliger verehrt, weil er ein guter Werbefachmann in eigener Sache war, Friede seiner Seele. Heute steht übrigens zum Schutz der Organistenohren eine Glasplatte zwischen Spieltisch und Schwellwerk, aber das nützt der Gemeinde nichts und dem Organisten nützt es nur mäßig.

Dass es im Bezug auf die OSV immer die orgelbauenden Gegenstücke geben muss, ist klar, denn das sind ja schließlich diejenigen, die schmieren. Kein Opfer ohne Täter, das ist ein polares Verhältnis auf Gegenseitigkeit. Man bedenke bei dieser Problematik, dass natürlich solche Ein-Personen-Betriebe wie z. B. ich hier in einer komfortablen Lage sind, denn ich z. B. muss nicht am Ende des Monats für soundsoviele Mitarbeiter die Gehälter zahlen und zuvor das Geld beschaffen, koste es, was es wolle. Die Angestellten fragen nämlich nicht, woher das Geld kommt, Hauptsache, es kommt. Je größer eine Firma ist, desto enormer ist auch der Kostendruck, nicht aber automatisch auch die Dicke der Auftragsbücher. Sonst kann der Chef seinen schwarzen Zylinder aufsetzen und Konkurs anmelden. So ist klar, dass große Unternehmen der Versuchung der Korruption im Regelfall eher unterliegen als kleine, sie können auch Posten wie Schmiergelder besser in den Buchungen verklausulieren, wenn es denn notwendig wird. Das ist in erster Linie eine Sache für die Steuerfahndung, denn sie allein hat die notwendigen Mittel, Wege und Akteneinsichten. Die Grenzen zwischen Höflichkeiten und korrupten Gefälligkeiten werden schnell fließend, die reichen von opulenten Abendessen über CD-Aufnahmen, Truhenorgeln als Beigabe zur 60-Register-Hauptorgel bis hin zu echten Geldzahlungen, wohingegen letzere wohl am seltensten vorkommen, eben der Steuerfahndung wegen.

Was kann man noch tun, außer schriftliche Fakten sammeln und wohlverwahrt notariell hinterlegen, damit eine Hausheimsuchung irgendwelcher Lobbyschergen zum Zwecke der Beweisvernichtung nicht lohnt? Natürlich sind gegenseitige Anfeindungen zwischen Orgelbauern und OSV auf Dauer weder produktiv noch zielführend, aber das Schaffen von Öffentlichkeit wie z. B. mit meinen Beiträgen auf Youtube (Film 1 und Film 2) erweckt möglicherweise durch seine Verbreitung ein gewisses Problembewusstsein in eben dieser zahlenden Öffentlichkeit. Das ist nach meiner Einschätzung unerlässlich. So wird große und kleine Politik gemacht, in der ganzen Welt, und der stete Tropfen höhlt vielleicht doch mal irgendwann den Stein, denn leider ist die Öffentlichkeit in diesen Dingen bezüglich Kirche viel zu gutgläubig und naiv, aber mündige Christen dürfen gerade vor ungemütlichen Wahrheiten die Augen nicht verschließen, sie MÜSSEN handeln.

Manche mögen mich nicht für das, was ich sage und schreibe. Jetzt stellt euch mal vor, sie wüssten, was ich denke…. 😉

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