Dummdeutsch oder Neusprech

Seit Monaten beobachte ich eine Tendenz in der Sprache, die mich wirklich auf die Palme bringt: Das Denglisch, das selbst inzwischen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (mit selbst gesetztem Qualitätsanspruch) Gesellschaftsfähigkeit erlangt hat, im Lande der Dichter und Denker. Es geht diesmal nicht um neue Begriffe im Zuge der Computersprache, die man notfalls noch als Fachtermini durchgehen lassen kann; es geht um dümmliche Redewendungen.

Längst ist es kein Privileg mehr von bildungsfernen Bevölkerungsschichten, davon zu sprechen, dass z. B. dieses Blog nicht mehr kostenlos sondern stattdessen neuerdings kostenfrei (free of charge) ist.

Außerdem hatten wir eigentlich keinen schönen Frühling in diesem Jahr und bislang auch wirklich keinen schönen Sommer; neuerdings haben wir nicht wirklich (not really) einen schönen Frühling in diesem Jahr gehabt.

Außerdem habe ich mich ein weiteres Mal über die Politiker und die Nachrichtensprecher mit ihrem Dummdeutsch geärgert, selbst in der Schule musste man sich wieder einmal über die Sprache eines Lehrers ärgern, ganz sicher habe ich mich aber nicht einmal mehr (once more) über sie alle geärgert.

Weiterhin beobachte ich seit einiger Zeit einen Bindestrichwahn (Binde-Strich-Wahn), der immer mehr abgelöst wird von einem Substantiv an Substantiv Wahn in Groß Schreib Manier, sodass ein normaler Bundes Bürger gar nicht mehr weiß, ob er die Land Straße mit dem Personen Kraft Wagen befahren sollte oder ob er nicht viel besser die Pferde Kutsche mit dem weißen Schimmel nehmen sollte, der von heller Farbe ist, damit er die Land Schaft besser genießen kann (hääää?). Dies ergibt keinen Sinn, bei manchen macht das keinen Sinn (make sense), obwohl Sinn nunmal nicht gemacht wird.

Woher diese dümmliche Sprache kommt, wird vermutlich ein Sprachwissenschaftler besser wissen als ich. Vielleicht ist es im harmlosesten Fall das Übersetzungsprogramm von Mr. Google, das dann ebenso wie das Navigationsgerät ohne Sinn und Verstand benutzt wird, auf dass man anschließend mit dem PKW ins Hamburger Hafenbecken plumpst. Ich beobachte nur eine nahezu epidemische Ausbreitung dieses Nonsens, der mich als halbwegs gebildete, kritische  Bürgerin, als Buchautorin und Sprachliebhaberin wirklich zeitweise aus der Fassung bringt.

Habt ihr weitere Beispiele?

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3 Antworten zu Dummdeutsch oder Neusprech

  1. André Pabst schreibt:

    Ich denke, es fängt bei der Sichtweise an. In der Sprachwissenschaft werden zwei „Parteien“ unterschieden, die einen sprechen vom „Verfall“ der Sprache, die anderen vom „Wandel“. Sprache hat sich schon immer geändert, sonst würden wir heute noch Mittel- oder Althochdeutsch sprechen oder gar Indogermanisch. Da jeder von uns in eine bestimmte Sprachstufe geboren wird, erscheint ihm diese als „richtig“. Veränderungen werden dann als „falsch“ bewertet.
    Unsere Sprache wurde auch schon immer von anderen Sprachen beeinflusst, sonst hätten wir vermeintlich ursprünglich deutsche Wörter wie „Glocke“ (entlehnt aus dem Altirischen), „Stuck“ (aus dem Italienischen) oder „Pause“ (aus dem Altfranzösischen) nicht. Das gilt natürlich auch für die Sprachstruktur, wie die schönen Beispiele aus deinem Artikel zeigen. Wenn wir also die Folgen des Sprachwandels als „Dummdeutsch“ bezeichnen, würde auch unser aktueller Sprachgebrauch als „Dummdeutsch“ bezeichnet werden müssen – zumindest aus Sicht eines Menschen aus dem 19. Jahrhundert.

    • Henny Jahn schreibt:

      Aus wissenschaftlicher Sicht klingt Ihre Sichtweise vernünftig. Ich persönlich sehe hintergründig bei dieser Art Sprachwandel das Problem, dass wir Deutschen einen Hang dazu haben, all das, was aus anderen Kulturkreisen in unsere Kultur vordringt, erstmal ziemlich unkritisch höher zu bewerten als die eigene Tradition. Offenheit und Toleranz sind sicher gut, sollte aber nicht zur Selbstaufgabe im Sinne eines Identitätsverlustes führen. Es ist im Bezug auf die Sprache „cool“ sich mit neuen Begriffen und Redewendungen zu schmücken, die Andere erst einmal aufhorchen lassen, eine Art Wichtigtuerei also. Wenn das dosiert und vor allem bewusst geschieht, ist das sicher in gewissen Grenzen hinnehmbar. Wenn das aber unreflektiert geschieht, bis hin zur Unverständlichkeit (Substantivtrennungen), dann, so glaube ich, stimmt etwas nicht.

  2. Thorben Kaufmann schreibt:

    Die Sprache ist universell auch gleich der Basis des Denkens, denn wir denken in unserer Sprache und mit dem uns zur Verfügung stehenden Wortraum. Es gibt verschiedene Sprachen und somit auch verschiedene Wort- und Ausdrucksräume. Mischt man eine vergleichsweise triviale Sprache mit unpräzisem Ausdrucksraum, wie zum Beispiel die englische Sprache, einer Sprache mit komplexem Ausdrucksraum und manigfaltiger Präzisierungsmöglichkeiten, hier sei die deutsche Sprache genannt, bei, so ergibt sich eine Herabsetzung der Präzision. Dies mag von universalkulturbegeisterten Menschen willkommen geheißen werden, es ist aber nicht gleich einer Bereicherung der jeweils höheren Sprache. Zudem sollte man in diesem Kontext sehen, daß durch die Einschleichung minderer Sprachen gleichwohl die Möglichkeit komplexeren Denkens unterwandert wird.
    Nun mag dies natürlich auch eines der hohen Ziele der (per ludum) „hohen Geister und Führer“ einer Nation sein, die den Scheitelpunkt seiner Blüte überschritten hat und im Verwelken begriffen ist, denn ein denkender Mensch ist immer auch ein Feind derer, die kontrollieren und dirigieren wollen. Die Kontrolle bedarf aber neben dem Kontrollierenden auch den Kontrollierten und dieser Letztere ist leichter zu lenken, wenn sein Denken gelenkt und vereinfacht wird.
    Weiter ist Sprache auch Boden der jeweiligen Kultur und eng mit dem Kulturempfinden verknüpft. Wer hier in negativer Richtung korrigierend eingreift, möchte wohl, so scheint es, eine Kultur des klaren und differenzierten Denkens unterdrücken.

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