Was es bedeutet, deutsch zu sein

Das neueste Buch eines befreundeten deutsch-Israelis, Arye Sharuz Shalicar, dessen Eltern aus dem Iran stammen, hat mich zu diesem Artikel veranlasst. Der Buchtitel: Der neu-deutsche Antisemit. Er muss es wissen, er ist in Berlin-Wedding aufgewachsen und weiß aus eigenem Erleben was es heißt, in Deutschland Jude zu sein. Er reist oft und gern in seine alte Heimat Deutschland, deren Entwicklung er zunehmend mit Sorge beobachtet. Arye diente seit 2009 als Presseoffizier bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) und bekleidete zuletzt den Rang eines Majors. Seit 2017 ist er Mitarbeiter der israelischen Regierung im Ministerium für Nachrichtendienst.

ER weiß, was es heißt, in Deutschland Jude zu sein, aber was bedeutet es für Deutsche, in Deutschland Deutscher zu sein? Einige schämen sich ihres Deutschseins (meist wegen der NS-Verbrechen), andere sind stolz darauf (unzählige Gründe), wieder andere wollen unbedingt den deutschen Pass (Wohlstand und Arbeit).

Ich habe mein eigenes Verhältnis zu meinem Deutschsein reflektiert und muss feststellen, dass ich ein sehr indifferentes nationales Selbstbild habe. Ich bin bis vor wenigen Jahren nie auf die Idee gekommen, überhaupt über diese Frage nachzudenken, denn ich bin weder stolz darauf noch erschüttert vor Selbsthass ob der Nazizeit. Weder zu dem einen noch zu dem anderen habe ich irgendetwas beigetragen. Dafür, dass ich hier geboren bin, kann ich nichts, deswegen bin ich auch nicht stolz, deutsch zu sein, denn stolz sein kann ich nur auf meine eigenen Leistungen. Ich schäme mich auch nicht für die Nazizeit, denn ich war damals noch nicht geboren, und so trage ich keine Schuld an den Verbrechen dieser damaligen Deutschen. Allenfalls schäme ich mich fremd dafür. Schuld ist für mich gewissermaßen die Antagonistin zu Stolz, denn sie entsteht aus bösen Taten und/oder aus Unterlassungen. Jeder Mensch kommt als weißes Blatt auf die Welt und muss sich in die Geschichte der Menschheit nach bestem Wissen und Gewissen einfügen.

Nun bin ich in ein Volk hineingeboren, das 12 Jahre lang besonders schwere Schuld auf sich geladen hat, und das bedauere ich zutiefst. Ich lege keine Kränze an Holocaustgedenkstätten nieder (das ist Sache der Politiker), habe in meinen zahlreichen Israelreisen noch niemals Yad VaShem besucht und habe dies auch nicht vor (weil ich um die Verbrechen der Deutschen WEISS, die muss ich mir nicht auch noch vor Augen führen), gehe ebensowenig zu irgendwelchen Veranstaltungen zum heutigen „Tag der deutschen Einheit“, weil mir alle Menschen in Deutschland, die ich nicht kenne – und das sind die überaus meisten – ebenso nah und ebenso fremd sind wie die Ureinwohner Neuguineas oder die Ungarn. So stelle ich fest: Ich bin DER Globalist per excellence, auch wenn das einige meiner geschätzten Leser ob meiner zahlreichen politischen Äußerungen sehr überraschen mag. Für mich sind alle Menschen gleichermaßen wertvoll (nicht gleich!), sollten alle dieselben Rechte zur freien Entfaltung, zur Bildung, zur freien Meinungsäußerung, zur freien Wohnortwahl und zur freien Religionsausübung haben, mit einer kleinen aber wichtigen Einschränkung: Sie mögen bitte damit nicht anderen auf die Nerven gehen, ihnen die oben genannten Rechte absprechen, sich über sie erheben, sie oder ihre Sozialsysteme ausnutzen oder gar Gewalt anwenden. Und genau hier liegt das tiefergehende Problem. So ist der Mensch nun mal nicht gestrickt. Er definiert sich über soziale Gemeinschaften, Gruppen, auch über Volksgruppen und sucht seinen persönlichen Vorteil. Und darin waren die Deutschen ein Weilchen Weltmeister, indem sie einen Weltkrieg mit dem absoluten Vernichtungswillen vom Zaun gebrochen haben. Es waren nicht die Nazis, die auf einmal kamen (so wird es immer so gern schöngeredet, als wäre Hitler mit seinen Schergen einfach vom Himmel gefallen). Sie sind nicht vom Himmel gefallen, Hitler wurde GEWÄHLT, von einer signifikant großen Menge Deutscher, so dass er an die Macht kommen konnte. Die Deutschen fühlten sich aus unterschiedlichen, nachvollziehbaren Gründen ungerecht behandelt, und er versprach ihnen das Heil. Sie waren naiv genug, ihm hinterherzulaufen. Im heutigen Informationszeitalter allerdings ist dieselbe Naivität vieler Zeitgenossen unentschuldbar, jeder Rattenfänger kann entlarvt werden.

Und was habe ICH nun damit zu tun? Eine ganze Menge! Aber eben NICHT, weil ich in diesem Zusammenhang etwa persönliche Schuld auf mich geladen hätte, sondern weil ich, mein Volk und eigentlich die ganze Welt aus dieser Geschichte lernen müssen. Sie beginnt, sich gerade vor unseren Augen zu wiederholen; nicht etwa, weil ein paar Dumpfbacken den Hitlergruß zeigen, ein paar Moslems Israelflaggen verbrennen und von einem freien Palästina fabulieren, einige Linke zum Boykott des jüdischen Staates aufrufen sondern weil die große breite Masse dazu schweigt, denn es geht sie scheinbar nichts an. Im schlimmsten Fall wird die Toleranzkeule geschwungen, Toleranz den Intoleranten, genau das ist der Kardinalfehler. Auch damals war jeder sich selbst der Nächste, Hitler schuf z.B. Arbeitsplätze, und für diesen Lohn konnte er ruhig mal ein paar Juden umbringen (machen deutsche Gelder im Iran übrigens auch, und obwohl die Sicherheit Israels angeblich deutsche Staatsräson ist, nimmt man den Vernichtswillen gegenüber Israel durch den Iran als eines der höchsten Staatsziele in Kauf), sie waren ja dankbare Prügelknaben, außerdem hatten sie Jesus umgebracht, das machte sie sowieso für gute Christen zu wandelnden Satanen. So einfach kann man es sich machen. Diesen Bullshit haben die christlichen Kirchen über Jahrhunderte verbreitet.

Jede totalitäre Ideologie braucht eine „Bibel“ und ein Feindbild, dann ist die Büchse der Pandora geöffnet. Wir stehen wieder kurz vor einer Büchsenöffnung, vielleicht nicht mal unbedingt in Deutschland sondern weltweit angesichts der verqueeren Ideologien, die in zahlreichen Ländern Staatsräson sind. DAS ist das, was wir Deutschen aus der Geschichte lernen müssen, wir müssen wachsam sein, warnen und verhindern, dass die Fehler unserer Vorfahren nicht von uns selbst und anderen Menschen wieder begangen werden, womöglich noch mit unserer Unterstützung oder Tolerierung. Ich denke da z.B. an den Iran und an die Türkei, mit denen die Deutschen so gern Geschäfte machen. Mir wäre es lieber, sie legten keine Kränze für tote Juden ab sondern verhinderten ein Erstarken von totalitären Regimen und Systemen, die nicht nur Israel sondern die ganze Welt in den Abgrund stürzen können.

Leider stelle ich hier ein Versagen unserer Politik fest, und in diesem Versagen sind sich fast alle ranghohen Politiker einig. Ich sehe es als meine urdeutsche Aufgabe, zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt, nicht nur für die Juden, sondern für alle. Wenn 80 Millionen Deutsche dies zu ihrer Aufgabe machen würden, wäre die Welt um einiges sicherer, und jeder, der gern Deutscher sein will oder es werden möchte und diese historische Verantwortung anerkennt und unterstützt, ist mir herzlich willkommen. Ausschlaggebend ist mich die Anerkenntnis des geistigen jüdisch-christlichen Erbes, denn dies ist nach meiner Einschätzung eine der wenigen Kulturen, vielleicht sogar die einzige, die im Sinne des kategorischen Imperativs allen Menschen ihre bestmögliche Entfaltung und ihr größtmögliches Glück bringt. DAS zu unterstützen ist deutsch.

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Eine Antwort zu Was es bedeutet, deutsch zu sein

  1. Horst Klutzny schreibt:

    Ich schätze Arye sehr – wegen seiner Gradlinigkeit und als Christ ist für mich, ebenso wie für ihn, die Christlich-Jüdische Kultur Grundlage für mein Sein, bin darin fest eingebunden. Das verbindet mich wohl auch mit den Juden. Ich empfinde große Sympathie für das Land Israel und seine Menschen. Ich habe großen Respekt vor Ihren Leistungen. Es ist mir bis heute unerklärlich wie vor allem im Mittelalter Kirchenväter den Hass auf Juden so forciert unter die Menschen bringen konnten weil sie damit einen wesentlichen Teil unserer europäischen Kultur verleugneten. Und aus meiner Sicht hat Antisemitismus nichts mit deutsch sein zu tun. Und wenn deutsche Bischöfe als höchste Repräsentanten der Kirchen in Deutschland beim Besuch des Tempelberges ihre Kreuze abnehmen ist das nicht nur feige sonder Verleugnung des eigenen Glaubens.

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