Mammographische Grenzerfahrungen

Frauen bekommen ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle zwei Jahre eine Einladung zur Mammografie, Brustkrebsfrüherkennung, so also auch ich. Das Mammografieverfahren kenne ich von einem Fall vor etlichen Jahren, als mich mein Arzt wegen eines schmerzhaften, dicken Knotens in der Brust dorthin schickte. Harmlos, nur ein Zyste. O.k., der Arzt machte vorsichtshalber Alarmstufe Rot, so dass vom unklaren Ultraschall bei ihm bis zur endgültigen Klärung im Fachzentrum nur eine einzige schlaflose Nacht verging, mit allerhand komischen Gedanken, die einem so durchs Hirn schießen, als stünde man kurz vor der eigenen Hinrichtung.

Ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich schon damals über mein mangelndes Gottvertrauen geärgert habe und über meine Rebellion gegen eine mögliche böse Diagnose mit all ihren Folgen. Da befasst man sich täglich mit Gebet, Bibel und Gott und dann eine Angst, als gäbe es kein Morgen. Ich wollte es einfach nicht, diese ganzen Horrorgeschichten, die man von Krebstherapien nur vom Hörensagen kennt, ohne selbst oder über Verwandte jemals bewusst betroffen gewesen zu sein. O.k. dachte ich mir, Jeshua sagte, was ich kann, könnt ihr auch, ihr müsst nur vertrauen, und was soll ich sagen, ich habe mit mehrmaligen eigenen Handauflegungen diese nervende Zyste vollständig weggemacht, ganz ohne Chirurgen. Das Vertrauen war dann doch da, und es war mein bislang wohl größter geistiger Akt, eine Kraftanstrengung, von der ich mich tagelang erholen musste. Es funktioniert, ER hatte recht. Ich bin völlig überzeugt davon, dass es eine Spontanheilung in SEINEM Sinne war.

Nun also nach Jahren zu dieser ersten Einladung zur Reihenuntersuchung. Man schaut mal interessehalber vorher in die Statistik (oder aus Unsicherheit in Ermangelung an Vertrauen?). Von 100 Frauen werden 6 nochmal zu einer weiteren Untersuchung eingeladen, weil der Befund unklar ist, und eine von 10 Frauen, die diese Nachladung erhalten, hat dann statistisch gesehen tatsächlich eine böse Diagnose. Es trifft immer nur die anderen. Zweckoptimismus. Wenn man dann aber sieben Tage auf das Ergebnis wartet und eine dieser statistischen 6 Frauen ist, die dann tatsächlich eine Nachladung bekommen mit dem Befund „unklare Stelle“, sieht die Sache plötzlich erheblich anders aus.

Ach herrje, was nun? Hast Du Krebs? Was, wenn die Statistik wieder zuschlägt, die Wahrscheinlichkeit hierfür ist ja erheblich gestiegen, eine von 10. Fast täglich begleite ich Trauerfeiern, bei denen viele Frauen beerdigt werden, die an Krebs verstorben sind, junge und ältere. Dabei aber professionelle Distanz, weil man sonst die Masse der Einzelschicksale schier nicht ertragen könnte, die die Geistlichen oft in epischer Grausamkeit auswalzen, und denen man sich als Organist auch nicht entziehen kann. Bilder schießen einem durch den Kopf, vielleicht ist es noch früh genug, nur eine kleine Operation, vielleicht Bestrahlung. Ich habe den Vor- und gleichzeitig den Nachteil, dass ich ein sehr lebhaftes Kopfkino habe.

Dann reißt mich der Zweckoptimismus aus diesen Gedanken, alles wird nur halb so heiß gegessen und blabla. Plötzlich Bilder aus Zeiten, wo man sich über den Tod noch nie ernsthaft Gedanken gemacht hatte. Dabei habe ich mich immer wieder mit dem Tod beschäftigt, auch mit dem eigenen. Ich wage zu behaupten, dass diese Beschäftigung überdurchschnittlich ist, da ich im Leben einige Grenzerfahrungen gemacht habe, die mir die Angst vor dem Tod gänzlich genommen haben. Die Blicke auf die andere Seite in entrückten Momenten verändern einen Menschen. Ich sehe das als unendliche Gnade, und nein, ich stelle fest, ich habe tatsächlich keine Angst vor dem Tod, wohl aber vor dem möglichen Präludium, das bei einigen so qualvoll ist, dass sie am Ende nachhelfen. Dann wieder die Wut über den Mangel am eigenen Gottvertrauen, denn ich dachte, ich wäre inzwischen viel weiter. Alles ist gut. Egal was kommt, egal was ist: Alles ist gut. Brustkrebs ist heute längst kein Todesurteil mehr. Gedanken, wie sie Jahrhunderte lang von der Kirche irrtümlich und grausam verkündet wurden, kommen in den Sinn: Krankheit als Strafe Gottes. Nein, das ist Unsinn, Gott macht Menschen nicht krank, Gott heilt. Jeshua hat nie Menschen krank gemacht, er hat sie geheilt. Nein, keine heeren Schwüre von wegen: Gott, ich tue auch dies oder jenes, wenn sich doch herausstellen sollte, dass ich gesund bin. Die halte ich sowieso nicht, wozu also leere Versprechungen? Die Gedanken kreisen mehr und mehr um diese Dinge, je näher der endgültige Abklärungstermin rückt. Eine wilde Mischung aus Wut über das eigene Nichtvertrauen und Sorge, Zweckoptimismus und Heulkrampf.

Also zweiter Termin nach einer halb schlaflosen Nacht. Schichtaufnahmen, Sonografie, dann die Erlösung: Alles ist gut, uff, Halleluja. Wieder eine harmlose Zyste, die einfach nur tiefer lag und darum nicht so gut abgrenzbar war. Die Erleichterung ist unbeschreiblich. Hallelu-Ya.

Was bleibt? Diesen Stress der Unsicherheit wünsche ich niemandem, aber ich möchte ihn im Nachhinein nicht missen. Man reift daran. Erst, wenn wir am Abgrund stehen, entwickeln wir uns weiter. Den Spruch habe ich gestern noch irgendwo gehört und dachte: Wie wahr. Ich weiß, wo ich spirituell stehe, und dass ich noch so unendlich viel zu lernen habe.

Jeder ist ersetzbar, man mache sich keine Illusionen, dass die Welt ohne einen stehen bliebe oder den Atem anhalte. Aber es rücken sich plötzlich Prioritäten zurecht, wie bei jeder Grenzerfahrung. Was schert mich die Politik, die ich nicht ändern kann? Die vielen Weltkonflikte, die ich nicht ändern kann? Die täglichen kleinen und größeren Aufreger?

Fang bei Dir an, vor Deiner eigenen Haustür, tue das, wozu Du auf die Welt gekommen bist, nehme Deine einzigartige Aufgabe wahr, aber halte dich niemals für unersetzbar, auch nicht in dieser einzigartigen Aufgabe! In dem Moment, wo diese Hybris kommt, wirst Du ersetzt werden.

Dann kam eine witzige Begebenheit, die mir mal wieder deutlich vor Augen stellte, dass Gott sich auch um die kleinen Dinge kümmert. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes auf der Rückfahrt von der „Erlösung“ traf ich einen Pfarrer, wir hielten kurz Smaltalk und er verabschiedete sich dann: „Bis heute Nachmittag“. Ich: „Wie, was bis heute Nachmittag? Hätte ich ihn nicht getroffen, hätte ich glatt meinen Orgeldienst bei der Seniorenmesse vergessen.

Wie war das mit dem Zufall? Wer da immer noch nicht an den Wink Gottes glaubt, dem ist nicht zu helfen.

Die nächste Reise auf meinen israelischen Vulkan kann ich getrost bald antreten, und mal sehen, welche Erkenntnisse dort wieder auf mich warten. Sie sind zwar nicht ortsabhängig, aber das Land befördert sie doch ungemein, auch wenn diese hier auf deutschem Boden stattfand.

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2 Antworten zu Mammographische Grenzerfahrungen

  1. Cayceportal schreibt:

    Wow – was für unglaubliche Erkenntnisse! Danke für’s Teilen – ich denke, die Sache mit dem Vertrauen sollte sich jeder Gläubige hinter die Ohren schreiben … mich eingeschlossen …

  2. archiwal schreibt:

    Sagenhaft gut! Was fehlt, so sehe ich das, ist ein Dankeschön an Jeshua.

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