Wer war Israel, wer IST Israel? (Teil 4, letzter Teil)

Kfar Nachum (Kapernaum) am See Genezareth, Synagoge aus der Zeit Jesu

Da ich aus christlicher Perspektive schreibe, werde ich in die vergangenen Ausführungen meiner mehrteiligen Abhandlung in dieser Folge nun auch die Brit chadascha, das neue Testament, mit einbeziehen.

(meine vorhergehenden Überlegungen siehe hier Teil 1, 2, 3)

Matthäus (Matitjahu) 15, 21 – 28:

Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

In einer ungeheuer brutal wirkenden Begebenheit macht Jeshua/Jesus unmissverständlich klar, zu wem er tatsächlich gesandt war: Zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (die klare Unterscheidung zwischen dem Haus Israel = Nordreich und dem Haus Juda = Juden s. Teil 1 und 2 dieser Reihe). Die Heiden aber verglich er sogar mit Hunden, was die Situation auf die Spitze trieb, denn eine größere Demütigung eines Menschen als ihn mit einem unreinen Tier zu vergleichen war wohl zu Jeshuas  Zeiten kaum denkbar. Die Mutterliebe der Kanaaniterin aber lässt sie dies aushalten, und Jeshua heilte ihre Tochter aufgrund des Glaubens ihrer Mutter, so seine Aussage. Vom Glauben der Geheilten selbst übrigens ist hier nicht die Rede, was Rückschlüsse auf die Wirkmächtigkeit und Wichtigkeit des Gebetes für Andere zulässt, doch darum geht es mir hier nicht.

Ich möchte nun auf eine Angelegenheit zu sprechen kommen, die schnell übersehen werden kann, die in der Heilsgeschichte der Israeliten aber eine bedeutende  – wenn nicht sogar entscheidende Rolle spielt. Das Haus Israel wird immer wieder als Vermählte Gottes, als Braut usw. bezeichnet (s. Teil 1 + 2 dieser Abhandlung). Diese Braut aber hat Unzucht getrieben und wurde zur Strafe verbannt (hat den Scheidebrief bekommen):

Jeremia (Jermijahu) 3, 6 ff:

Und der HERR sprach zu mir zur Zeit des Königs Josia: Hast du gesehen, was Israel, die Abtrünnige, tat? Sie ging hin auf alle hohen Berge und unter alle grünen Bäume und trieb dort Hurerei. Und ich dachte, nachdem sie das alles getan, würde sie zu mir zurückkehren. Aber sie kehrte nicht zurück. Und obwohl ihre Schwester Juda, die Treulose, gesehen hat, wie ich Israel, die Abtrünnige, wegen ihres Ehebruchs (Anm.: Vielgötterei, Anbetung des Baal) gestraft und sie entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben habe, scheute sich dennoch ihre Schwester, das treulose Juda, nicht, sondern ging hin und trieb auch Hurerei.

Gott aber mochte sich wieder mit dieser „Braut vermählen“.  Das geht aber nach seinem eigenen Gesetz nicht mit einer Frau, die der Bräutigam schon einmal aus der Ehe entlassen hat. Dazu steht bei bei Mose (Moshe) 5, 24:

Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, wenn er ihr dann eine Scheidungsurkunde ausstellt, sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt, sie sein Haus verlässt, die Frau eines anderen Mannes wird, wenn dann der zweite Mann sie nicht mehr liebt, ihr eine Scheidungsurkunde ausstellt, sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt oder wenn der andere Mann, der sie geheiratet hat, stirbt, dann darf sie ihr erster Mann, der sie fortgeschickt hat, nicht wieder heiraten, sodass sie wieder seine Frau würde, nachdem sie für ihn unberührbar geworden ist. Das wäre dem HERRN ein Gräuel.

Dieses „göttliche Dilemma“ lässt sich also nur auf eine Weise lösen, nämlich durch den Tod des ersten Ehemannes. Der aber ist in diesem Falle Gott. So war gewissermaßen der Tod Gottes zur Wiedervermählung, also zur Versöhnung mit seiner geliebten Braut Israel, unausweichlich. DARUM starb er am Kreuz! Dies ist die einzige plausible Erklärung für die Frage, warum Gott in Form seines besonderen Sohnes, seines leiblichen, materiellen Aspektes, sterben musste, nämlich, damit Israel wieder bei und mit ihm leben konnte. Er musste sterben wegen der Sünden seiner Vermählten, die ihn fortwährend ablehnte, also fremden Göttern diente, was mit Hurerei gleichgesetzt ist.

Seitdem ist Israel erlöst, und Gott hat keine weitere Scheidungsurkunde ausgestellt, somit steht Israel unter der Gnade Gottes, trotz ihrer Sünden.

Durch den Tod Jeshuas ist der Weg für Israel frei geworden, das eine Opferlamm hat alle Opfer in sich vereint und überflüssig gemacht, der Tempelvorhang zerriss im Moment dieses göttlichen Vollzuges (Mt 27, 50 f), wodurch der Blick frei wurde auf ein nicht mehr vorhandenes Allerheiligstes (Gesetzestafeln in der Bundeslade) im Tempel (denn der Gesetzgeber selbst war in Erfüllung und Vollendung des eigenen Gesetzes am Kreuz gestorben), der Opferdienst und der gesamte Tempeldienst wurde überflüssig. Die Zerstörung des (materiellen) Tempels erfolgte in der Konsequenz bis auf den heutigen Tag. Vorweggenommen war dieses Opfer schon in der Beinaheopferung Isaaks (des Sohnes) durch Abraham (des Vaters) an SELBIGER Stelle, der durch ein Lamm (!) ersetzt wurde. Es war eben die Stelle, auf der später der jüdische Tempel gebaut wurde, und auf der das Allerheiligste stand, dessen Fehlen durch den zerrissenen Vorhang offenbar wurde, weil es durch das Opfer des Sohnes überflüssig geworden war. Die Beihnaheopferung Isaaks war eine echte Opferung, denn sie war von den Betroffenen Abraham und Isaak gedanklich bereits vollzogen, die Materialisierung dieser Gedanken war somit nicht mehr entscheidend und hätte mit dem Tod Issaks als Stammhalter die Fortsetzung der Heilsgeschichte gewissermaßen verunmöglicht. Nur deswegen schritt Gott ein.

Mit dem Einschreiten Gottes gegen die tatsächliche  Opferung Isaaks wurde entgültig das Menschenopfer unter den 12 Stämmen abgeschafft, mit der Opferung Jeshuas wurde das Tempelopfer, das ein Sühneopfer war,  abgeschafft. (Beide, sowohl Isaak als auch Jesus, waren mit ihrer Opferung einverstanden!)

Bei dem Pfingstereignis (Apg 2) erfolgte ein Paradigmenwechsel (NACH der Wiedervermählung mit der alten Braut Israel), denn die Jünger wurden ausgesandt, ALLE Menschen zu SEINEN Jüngern zu machen und die frohe Botschaft zu verkünden – über ethnische Grenzen und Landesgrenzen hinweg. Diese Herabkunft des Heiligen Geistes erfolgte nicht umsonst ausgerechnet auf Shawuot, dem jüdischen Wochenfest, an dem in der Hauptsache die zweite Gabe, die Herabkunft der 10 Gebote am Berg Sinai gefeiert wird. Mose hatte aus Wut vor der Anbetung des goldenen Kalbes (Götzendienst!) durch sein Volk das erste Mal die Gesetzestafeln zerschlagen, beim zweiten Mal musste sich das Volk die Gesetze verdienen.

Nun nochmal zum Titel dieser Abhandlung. Wer Israel historisch war haben wir geklärt, also:

Wer IST Israel heute? Jeder, der um die Liebe Gottes ringt (Israel= Streiter mit Gott/für Gott, Gott streitet für uns), der sich unter den neuen Bund der Gnade stellt –  über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinweg. Gott bedarf keiner Religionen, denn es gibt nur die EINE Wahrheit: GOTT IST, und wer glaubt, dass Gott ist, wird ihn lieben und mit Selbstverständnis und Hingabe seine Gebote erfüllen und seiner Gnade teilhaftig sein.

Höre Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist EINS

שמע ישראל יהוה אלהינו יהוה אחד

 

 

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Eine Antwort zu Wer war Israel, wer IST Israel? (Teil 4, letzter Teil)

  1. Cayceportal schreibt:

    Ein toller Artikel, in dem eigentlich alles gesagt wird! Danke!

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