Mein Jom Kippur auf dem Golan

Von Galiläa aus betrachtet lag er da, der See Genezaret, glatt und schiefergrau zu Füßen des mächtigen Golan. Der war breit und stolz gelagert wie der Löwe von Juda, rot glühend im Widerschein der letzten Abendsonne, wie damals, als er in undenklich langer Vorzeit, aus Feuer geboren, in glühenden Geburtswehen lag und ganz Galiläa mit seiner Asche bedeckte. Sie macht dieses Land heute so fruchtbar. Dieser Anblick überwältigte mich wieder und trieb mir Tränen in die Augen.

Tage später, heute, auf Yom Kippur, begegne ich in der Frühe hier im Zentralgolan, in dem ich derzeit wohne, nur wenigen Menschen in den Straßen. Ein Mann, Gebete singend in seinen Tallit gehüllt, eilt zur Synagoge, ein paar Jungs, weniger ernsthaft, nehmen in ihren Tallitot denselben Weg, necken sich gegenseitig.

Ich gehe ein Stück weiter in Richtung Süden bergab und erblicke wieder den Kinneret, der sich ebenfalls in seinen Tallit aus Frühnebel und Dunst gehüllt hat. Jetzt erahnt man ihn nur, gestern nachmittag war er in gleißendes Licht getaucht.

Es ist eine heilige Ruhe an diesem höchsten aller Feiertage in Israel: Versöhnungstag, Versöhnung mit dem Nächsten, aber auch Versöhnung mit Gott; kein Auto, kein Maschinenlärm, nicht mal ein Flugzeug ist zu hören, selbst in Syrien scheinen heute die Waffen zu schweigen, obwohl ich gestern noch schweren Dauerbeschuss vernehmen konnte. Nur der Gesang der Vögel und das Summen einiger Insekten lassen einen erahnen, wie sich die Welt vor 2000 Jahren ohne unsere heutige Zivilisation hier angehört haben muss. Und doch ist diese Vorstellung vom seligen Frieden trügerisch. Damals, 67 nach unserer Zeitrechnung war es, fiel der Golan im jüdischen Krieg, als die letzten Zeloten sich in Todesgewissheit in ihrer Verzweiflung bei Gamla die Klippe hinunterstürzten, um nicht von den Römern gefangen und zu Tode gefoltert zu werden, und genau 1900 Jahre später steht das jüdische Volk wieder hier, ebenso angefochten wie damals, aber stark.

Gamla, Golan

Gamla, Golan, im Hintergrund der Kinneret

Die Araber wollten das ihnen verhasste „zionistische Gebilde“ verdampfen, wie die Öfen in Auschwitz es mit den Juden nach ihrer Vorstellung noch nicht genügend geschafft hatten.
Ein paar Kampfjets, die in der Ferne die Stille durchbrechen, erinnern auch gerade wieder an die immer noch ständige Bedrohung dieses Volkes. Der Golan, Teil des biblischen Baschan, hat die wichtige strategische Funktion bis heute behalten.

Jom Kippur, das ist ebenso die Erinnerung an den gleichnamigen Krieg, den Israel ebenfalls gewann. Welch perfide Vorstellung, ein Volk auf seinem Versöhnungstag anzugreifen, welcher Hass kann soetwas verursachen, welcher wahnhafte Vernichtungswille?

Ich steige auf einen kleinen Hügel, auf dem eine israelische Flagge weht, ihr lebhaftes Schlagen im Wind erinnert daran, dass das jüdische Volk entgültig zurückgekehrt ist um zu bleiben. Vor über 1900 Jahren war der Fall des Golan der Anfang vom Ende auch für Jerusalem, drei Jahre später fiel die heilige Stadt, der Tempel wurde zerstört, und das jüdische Volk zerstob in alle Himmelsrichtungen wie Staub, den der Wind vor sich hertreibt.

Gamla-Wasserfall, Golan

Gamla-Wasserfall, Golan

Aber der Golan ist nicht einfach nur ein strategischer Vorposten, er ist, wie ihn der Psalmist besingt, ein heiliger Berg. Ps. 68, 16f:  „Ein Gottesberg ist der Baschanberg; ein Gebirge, an Gipfeln reich, ist der Baschan. Warum blickt ihr voll Neid, ihr hohen Gipfel, auf den Berg, den Gott sich zum Wohnsitz erwählt hat?“ Aber der Baschan bekam von Gott eine wichtige Aufgabe zugeteilt, da war er befriedet. Er solle Tau spenden für Zion, das lebenswichtige Wasser. Das tut er bis heute. Er saugt mit seinem porösen Gestein den Regen auf wie ein Schwamm und spendet ihn zuverlässig über seine zahllosen Bäche und Rinnsale in den Jordan und den Kinneret.

Granzanlage zu Syrien, Golan

Henny Jahn auf einem Grenzwerk der israelischen Streitkräfte nach Syrien

Das Leben blüht an seinen Hängen und in den Tälern, die zahlreichen Vulkane, einst ein explosives Reich, sorgten für den fruchtbaren Boden. Heute dienen seine einst neidischen Gipfel dem israelischen Staat als lebensnotwendige Beobachter, starke Grenzwerke nach Syrien und zum Libanon hin zeugen von seiner Stärke und seiner Bereitschaft, sich jederzeit einem Angriff zur Wehr zu setzen.

Ich setze meinen Weg fort durch die mit Disteln und Gras bewachsene Hügellandschaft, die übersäht ist mit Lavabomben aller Größen und mit Basaltfelsen, die diesem Gebirge seine bizarre Substanz geben.

Hexagonalteich, Golan

Hexagonalteich (HaMeshushim), Golan

An diesem schönen sonnigen Tag suche ich einen Platz zum Ausruhen unter einem großen Baum, der genügend Schatten spendet, um  meinen Jom-Kippur-Gedanken nachzugehen. Große schattige Felsen laden hier zum Sitzen ein, und mehr auf den warmen Steinen liegend als sitzend versinke ich in einen Halbschlaf, einen Tagtraum, was auch immer geschehen ist in diesen vielen Stunden, in denen ich der Zeit entrückt war. Nein, es war kein Schlaf, ich war wach, hellwach sogar, die ganze Umgebung war in meinem Gewahrsein, als wenn ich wachse über meine körperlichen Grenzen hinaus in diesen Berg hinein.  Ich weiß noch sehr genau, ich spüre es bis ins Detail, wie sich die Grenze zwischen meiner Linken und dem Felsen aufzuheben begann, sehr schnell und sehr bald, sie wurde immer flimmernder, bis sie sich vollends aufgelöst hatte. Noch bevor dieses unbekannte Gefühl meinen ganzen Körper erfassen konnte, hatte ich plötzlich so etwas wie Fluchtreflexe: Was geschieht, wenn ich hier festwachse, unauflöslich mit diesem Felsen verschmilze? Die Irrationalität dieser Furcht war mir völlig abhanden gekommen, denn ihr Gegenstand war plötzlich so real wie dieses Ereignis selbst. Und doch habe ich es geschehen lassen, es wäre ohnehin zu spät gewesen. „Ein Gottesberg ist der Baschanberg“ So begann ich, mich diesem Geschehen ganz hinzgeben, bis der Berg und ich ganz eins waren. Es gab keine Grenze mehr zwischen ihm und mir.  Diese mystische Vereinigung hat etwas von ihm in mir zurückgelassen, unauslöschlich, und ich habe ihm eine Wurzel eingepflanzt, eine Wurzel der Segnung und der Heilung. Er soll heil werden, dieser geschundene alte Berg der Heiler; nun muss er selbst heil werden, gesunden von dem vielen Blut, das er aufgenommen hat, gesunden von den Wunden, die die Kriege ihm geschlagen haben, versöhnt sein mit seiner Geschichte, Jom Kippur.

Dieser Berg ist ein Mysterium. Als ich ihn das erste Mal besuchte, hat er mich körperlich auf seine Oberfläche genötigt, ich habe mich damals dagegen  gewehrt, empfand es verwirrend und peinlich, da meine Begleiterinnen ganz offensichtlich diese Situation nicht einordnen konnten, ebensowenig wie ich selbst, wir waren damit überfordert, verständlich. Aber seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen, er brauchte mich, irgendeine  Konsonanz die wir teilen, eine harmonikale Synchronizität, wir brauchten uns gegenseitig, das habe ich erst heute in voller Tragweite begriffen, darum bin ich hier.

Nichts ist mehr peinlich an dieser merkwürdigen Verbindung, so wie ich es beim ersten Mal empfunden hatte. Die Realität unserer hochkomplexen Welt, die wir uns anmaßen zu verstehen, hat nicht im entferntesten etwas mit der tatsächlichen Wirklichkeit zu tun, mit dem Mysterium, das Gott, die Menschen und die ganze Welt miteinander verbindet. Wir sind Eins, Adonai echad, es gibt keine Grenzen, das haben wir nur noch nie richtig verstanden: 1 Kor 13: „Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk (…) Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin.“

bei Gamla, dahinter der Kinneret

Adlerbeobachtungsstand bei Gamla, dahinter der Kinneret

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