Wer war Israel, wer IST Israel? (Teil 3), Exkurs: Ersatztheologie

Die Ersatztheologie der christlichen Kirchen hat dem jüdischen Volk vor allem in der europäischen Diaspora viel Leid beschert.

Wikipedia definiert die Ersatztheologie folgendermaßen:

Als Substitutionstheologie (von lateinisch substituere, „ersetzen“; auch: Ersetzungs-, Enterbungs- oder Enteignungstheologie) bezeichnet man eine verbreitete christliche Lehre, wonach das von Gott erwählte Volk Israel nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht sei. Aufgrund des angeblichen Gottes- bzw. Christusmordes seien Gottes Verheißungen an Israel auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen. Juden könnten ihr Heil daher nur noch durch die Taufe erlangen, also durch die Aufgabe ihres Judentums.

Vom Zweiten vatikanischen Konzil her rührend gibt es die bedeutende Schrift „nostra aetate“ (1965)  die das Verhältnis der katholischen  Kirche und ihrer Gläubigen zu den nichtchristlichen  Religionen – dabei auch zur jüdischen – neu definiert. Damit findet nicht nur eine entscheidende Abkehr vom bis dahin dem Christentum inhärenten Antisemitismus statt sondern auch eine Abkehr von der Lehre, dass außerhalb der katholischen Kirche kein Heil zu erlangen sei.

Die entscheidende Passage dort lautet:

Sie (die katholische Kirche) bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind.

Das ist auf der Seite des Vatikans zu lesen >>>

Auf evangelischer Seite hat sich eine Kehrtwende in diesen Dingen im Synodalbeschluss der Rheinischen Landeskirche von 1980  („Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“) niedergeschlagen. Für sie ist die These vom „nie gekündigten Bund“ Gottes mit Israel (Martin Buber) verbindlich.

Alle schrecklichen Folgen der alten christlichen Irrlehre hier aufzuzählen, führte ins Unermessliche. Mit ihr wurden zahlreiche Pogrome, Zwangskonversionen, Knechtungen, Enteignungen, Zwangsscheidungen usw. usw. begründet und christlich legitimiert. Ein unsäglich hetzerisches Werk, das sogar später noch von Nazigrößen (z. B. Julius Streicher, Herausgeber des „Stürmer“) bei den Nürnberger Prozessen zur Legitimierungen des Holocaust herangezogen wurde, war das Buch Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“. Die evangelische Kirche hat sich in diesen Dingen noch in jüngster Zeit wieder klar von Luthers Antisemitismus distanziert.

Nun bleibt festzuhalten, dass eine Lehre, die über Jahrhunderte, gar Jahrtausende  hinweg zur christliche DNA gehörte, nicht durch einen Federstrich von heute auf morgen auch aus den Köpfen der Menschen verschwindet. Hier wird auch in Zukunft noch viel Arbeit zu leisten sein. Unbestreitbar ist heute die Tendenz in einigen kirchlichen Organisationen, den alten Antisemitismus in einen Antiisraelismus umzumünzen, bei dem man den Sack prügelt aber letztendlich den Esel meint. Israel wird von kirchlicher Seite für Dinge kritisiert, die man in keinem anderen Land der Welt bemängelt, und das sogar häufig völlig zu Unrecht aufgrund von Falschinformationen (z. B. angebliche Unterdrückung von arabischen Christen). Auch solche Doppelstandards sind klar antisemitisch und haben mit sachlicher Staatskritik nichts zu tun. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen zum Nachteil des Staates Israel Terror mitfinanziert wird, weil diese Hilfsorganisationen nicht so genau hinschauen, was mit ihren Spendengeldern tatsächlich vor Ort geschieht.

Wer glaubt, die Erstaztheologie sei tatsächlich überwunden, unterliegt einem schweren Irrtum. Das wird vor allem in Einzelgesprächen mit manchen Christen immer wieder deutlich.  Es bleibt ein Bohren dicker Bretter über Generationen hinweg.

Fortsetzung folgt

Teil 1: Wer war Israel, wer IST Israel? >>>

Teil 2: Wer war Israel, wer IST Israel? >>>

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Israel, Israel, Judentum, Judentum abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s