Wer war Israel, wer IST Israel? (Teil 2)

Nicht wenige Menschen, darunter auch zahlreiche Theologen, nehmen stillschweigend an, dass das Haus Israel, also die nördlichen 10 Stämme zu Jeshuas/Jesus‘  Zeiten längst wieder in das jüdische Volk eingegliedert und darin aufgegangen seien, so dass sich eine Suche danach erübrigt bzw. das Problem seiner Identität überhaupt heute nicht mehr stelle.

Dem ist aber mitnichten so, dies geht nicht nur aus dem bereits zitierten Werk von Flavius Josephus hervor sondern aus sämtlichen Schriften der Brit chadascha/Neues Testament, die sich in irgendeiner Form zu der Zerstreuung des Volkes Israels äußern. Jeshua selbst hat sich immer wieder zu dieser Thematik geäußert, und er benutzte mit Selbstverständlichkeit diejenige Bilder- und Symbolsprache, die auch der Tanach/ das Alte Testament benutzte (ein Grundsatz der Hermeneutik). Hierin ist NUR im Zusammenhang mit dem Haus Israel von den „Schafen, der Braut, der Vermählten“ die Rede, worauf ich später noch zu sprechen komme. Die Brit chadascha/das Neues Testament KANN nur vom Selbstverständnis des Tanach/Alten Testaments her verstanden werden. Im Nichtbeherzigen dieses Umstands liegt die tiefere Ursache für zahlreiche Um- und Fehlinterpretationen der Brit chadascha/des Neuen Testaments, auf die ganze und zum Teil absurde Theologien gegründet wurden.

Sehr fatal hat sich die sog. Substitutionstheologie oder Ersatztheologie (Christen hätten die Juden durch den Neuen Bund ersetzt) ausgewirkt, deren Fehlannahme in letzter Konsequenz in unzählige Genozide an den Juden durch Christen mündete. Die Substitutionstheologie wurde von der röm. kath. Kirche und einem Teil der protestantischen Kirchen offiziell in jüngerer Vergangenheit als Irrlehre verworfen. Ich werde in einem separaten Artikel näher darauf zu sprechen kommen, denn unterschwellig lebt sie leider immer noch.

Um es nochmal deutlich zu sagen: Der heutige säkulare Staat Israel ist die Heimstätte der Stämme des Südreichs, NICHT des Nordreichs, obwohl der Staat dessen Namen trägt. Der Name war vor Staatsgründung auch nicht grundlos diskutiert worden. Offiziell lautet denn auch der Name nicht einfach ISRAEL (ישראל), wie landläufig angenommen wird, sondern „Medinat Jisrael“: Land Israel  (מדינת ישראל), also KEINE Gleichsetzung von Staat und Volk Israel. Israelis (Staatsangehörige des Staates Israel) sind nicht dasselbe wie Israeliten.

Das Israelische Außenministerium hat mit Selbstverständlichkeit eine bedeutende Passage in ein offizielles Schriftstück über die  Diaspora eingebaut, es schreibt sinngemäß: „Das Exil in Babylon, das auf die Zerstörung des Ersten Tempels folgte, war der Beginn der jüdischen Diaspora.“ (Dokument hier >>> von der Seite des Außenministeriums direkt als PDF abrufbar, englische Fassung, im Dokument auf Seite 12 als the first exile 586- 538 BCE)   Auch das Außenministerium  weiß natürlich, dass das Nordreich (Israel) bereits etwa 130 Jahre früher ins Exil ging. Somit schließt es im Umkehrschluss das Jüdischsein des Hauses Israel (des Nordreichs) aus, was absolut der historischen Wirklichkeit entspricht, denn Juden sind eben nur die Angehörigen des Südreichs, also die Angehörigen der Stämme Juda, Benjamin und eines Teils Levis (und der orthodox Konvertierten, deren Anzahl am Anteil der Juden im Laufe der Geschichte verschwommen ist) die im „Land Israel“ auch ihre Heimstätte gefunden haben. Das heutige Staatsgebiet Israels stellt nur einen geringen Anteil desjenigen Landes dar, das die 12 Stämme einst besessen haben.

Hierher stelle ich einige beispielhafte Passagen der Brit chadascha/des Neuen Testaments (es gibt unzählige weitere), die mit größter Selbstverständlichkeit den Zustand der Zerstreuung der Israeliten unter die Heidenvölker noch zur Zeit Jeshuas implizieren:

1.Petr. 1,1 „Petrus, ein Apostel Jesu Christi, den erwählten Fremdlingen in der Zerstreuung in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!“ („Erwählte“ war immer nur gebräuchlich für die Israeliten, später nach der Teilung sowohl für das Haus Isreal als auch das Haus Juda, das Haus Israel wurde nach der Zerstreuung immer wieder als „Fremdlinge“ bezeichnet, da sie unter den Heiden als „Fremdlinge in der Zerstreuung“ lebten)

Jak. 1,1 „Jakobus, ein Knecht Gottes und des HERRN Jesu Christi, den zwölf Stämmen in der Zerstreuung, Freude zuvor!

Joh. 7, 34 ff „Ihr werdet mich suchen, und nicht finden; und wo ich bin, könnet ihr nicht hin kommen. Da sprachen die Juden untereinander: Wo soll dieser hin gehen, dass wir ihn nicht finden sollen? Will er zu den Zerstreuten unter den Griechen gehen und die Griechen lehren? Was ist das für eine Rede, dass er sagte: „Ihr werdet mich suchen, und nicht finden; und wo ich bin, da könnet ihr nicht hin kommen

Es gab damals ein Gesetz, dass Juden niemals zu denen gehen oder sprechen, geschweige mit denen essen  durften, die in der Zerstreuung waren, darum sagt Jeshua: „Dahin könnt ihr nicht gehen“ Er wusste, dass es ein Tabubruch für einen Juden war. Dieses Tabu erklärt sich aus der Ausgrenzung durch G-tt selbst, denn die Juden wussten, dass das Haus Israel noch ärger gesündigt hatte als das Haus Juda und deswegen lange in die Verbannung musste. Wer mit ihnen verkehrte, macht sich somit unrein.

1 Petr. 2, 9: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Die ihr einst nicht ein Volk waret, nun aber Gottes Volk seid, und einst nicht begnadigt waret, nun aber begnadigt seid.“ Hier zitiert Petrus direkt aus den Propheten des Tanach. Die Erklärung dazu folgt.

Wir erinnern uns an 2. Mose 19,5f: .“Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Römer 9 24: welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden sondern auch aus den Heiden. Wie er denn auch durch Hosea spricht:Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht meine Liebe war.“  „Und so soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: ‚Ihr seid nicht mein Volk‚, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.“ (Zitat aus Hosea 1,4 ff): Und der HERR sprach zu ihm: Heiße ihn Jesreel; denn es ist noch um eine kleine Zeit, so will ich die Blutschulden in Jesreel heimsuchen über das Haus Jehu und will mit dem Königreich des Hauses Israel ein Ende machen. Zur selben Zeit will ich den Bogen Israels zerbrechen im Tal Jesreel. Und sie ward abermals schwanger und gebar eine Tochter. Und er sprach zu ihm: Heiße sie Lo-Ruhama „Unbegnadigte“; denn ich will mich nicht mehr über das Haus Israel erbarmen, daß ich ihnen vergäbe. Doch will ich mich erbarmen über das Haus Juda und will ihnen helfen durch den HERRN, ihren Gott; ich will ihnen aber nicht helfen durch Bogen, Schwert, Streit, Rosse oder Reiter. Und da sie hatte Lo-Ruhama entwöhnt, wurde sie wieder schwanger und gebar einen Sohn. Und er sprach: Heiße ihn Lo-Ammi Nicht-mein-Volk; denn ihr seid nicht mein Volk, so will ich auch nicht der Eure sein. (wg. des ständigen Bundesbruches) Jesaja aber schreit für Israel: „Wenn die Zahl der Kinder Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest selig werden; denn es wird ein Verderben und Steuern geschehen zur Gerechtigkeit, und der HERR wird das Steuern tun auf Erden.“ Und wie Jesaja zuvor sagte: „Wenn uns nicht der HERR Zebaoth hätte lassen Samen übrig bleiben, so wären wir wie Sodom und Gomorra.“ (Hosea 2, 1 ff): „Es wird aber die Zahl der Kinder in Israel sein wie der Sand am Meer, den man weder messen noch zählen kann. Und es soll geschehen an dem Ort, da man zu ihnen gesagt hat: „Ihr seid nicht mein Volk„, wird man zu ihnen sagen: „O ihr Kinder des lebendigen Gottes!“ Denn es werden die Kinder Juda und die Kinder Israel zuhauf kommen und werden sich miteinander an ein Haupt halten und aus dem Lande heraufziehen; denn der Tag Jesreels wird ein großer Tag sein. Sagt euren Brüdern, sie seien mein Volk, und zu eurer Schwester, sie sei in Gnaden.

Hos. 3, 9: „Danach werden sich die Kinder Israel bekehren und den HERRN, ihren Gott, und ihren König David suchen und werden mit Zittern zu dem HERRN und seiner Gnade kommen in der letzten Zeit.

Dies geschiet also in der Endzeit, in der Zukunft.

Es geht hier also garnicht um die Bekehrung der Heiden sondern um die Rückführung der verstoßenen und in Ungnade gefallenen Israeliten unter den Heiden, des “nicht mehr mein Volk“. Diese direkte Lesart – immer mit Rückbezug der Zitate Jeshuas durch die Evangelisten auf den Tanach, den Jeshua als frommer Jude sehr gut kannte – ist entscheidend, denn jede andere Lesart – also diejenige von der Neuzeit her und aus dem Zusammenhang des Tanach gerissen – ist Interpretation und Wunschdenken und führt zwangsläufig zu Fehlannahmen über die Kernaussagen der Heiligen Schriften und solch merkwürdigen Lehren wie diejenige der Ersatztheologie.

Fortsetzung folgt.

Teil 1: Wer war Israel, wer IST Israel >>>

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5 Antworten zu Wer war Israel, wer IST Israel? (Teil 2)

  1. Prof. Dr. Franco Rest schreibt:

    Zugegeben: Das von dir Gesagte ist in sich schlüssig. Aber es beruht doch nahezu gänzlich auf der jüdischen Hofberichterstattung; die Selbstdarstellung und damit die „Wirklichkeit“ der Betroffenen Istaeliten (Bewohner des Nordreiches) ist darin nicht enthalten. Deren Quellen gingen sämtlich seit der frühen Zerstreuung verloren. Die realistische Wahrnehmung des „vergessenen Königreiches Israel“ wäre deshalb wohl nur aus der Sicht Dritter (also z.B. Ägyptischer Quellen wie den Amarna-Briefen) oder durch die Archäologie möglich. Dann würde man der Nordreich-Theologie in den Zentren Sichem, Schilo usw. vielleicht nachträglich gerechter werden können. Dazu lese ich z.Zt. das entsprechende Buch des Dan-David-Preisträgers Professor Finkelstein.

    • Henny Jahn schreibt:

      Die dünne Quellenlage außerhalb des jüdischen Kulturkreises ist in der Tat für die Forschung ein Problem. Es gibt sicher auch eine grundlegende und unüberwindbare Diskrepanz zwischen den Ergebnissen von der wissenschaftlichen Forschung nach heutigen Maßstäben her gedacht und dem theologischen Mythologem, der Metaebene der Textaussagen in den Heiligen Schriften. Kurzum: Wenn heute jemand wie Mosche erscheinen würde und behauptete, er hätte seine neuen Gebote direkt von Gott bekommen, oder wenn ein Prophet auftreten würde und die Zukunft voraussagte, wären beide bestenfalls ein Fall für die Psychiatrie, schlimmstenfalls käme die Einweisung in die Forensische wg. mehrfachen Aufrufs zum Völkermord und Durchführung desselben aufgrund von Visionen. Ich denke, beide Ebenen lassen sich nur bedingt miteinander verquicken. Ein moderner chancenreicher Ansatz ist in wissenschaftlicher Hinsicht sicher die Genforschung, speziell die Projekte rund um das Humangenom. Mit dieser Forschung machte man aber ein Fass auf, das wir gerade in Deutschland für die nächsten 1000 Jahre aus naheliegenden Gründen besser verschlossen ließen. Bis dahin wird die Arbeit von anderen längst gemacht sein. Ich vermute, dass dies der einzige Weg ist, die Völkerwanderungen – auch diejenigen des Volkes Israel – ziemlich exakt zurückzuverfolgen. Erste Ergebnisse in diese Richtung gibt es ja bereits, aber es ist, wie gesagt, in Deutschland ein problematisches Thema. Das Finkelstein-Buch bietet sicher interessante Ansätze, doch ich denke, dass sich auch die Ethnologie demnächst eher im Genlabor als auf dem Grabungsfeld abspielen wird. Eine viel wichtigere Frage ist diejenige, ob es auf eine genetische Blutlinie tatsächlich in unserem besprochenen Zusammenhang ankommt. Ich behaupte: Nein. Die Begründung dafür folgt in weiteren Kapiteln zu meiner Thematik.

  2. Prof. Dr. Franco Rest schreibt:

    Danke für die Erläuterungen. Bleibe also gespannt auf die nächsten Texte.

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