Kirche und Ehrenamt – Orgelmethusalems

Das Ehrenamt wird im öffentlichen Bewusstsein hochgehalten, es ist ein goldenes Kalb der Moderne. Weniger bewusst ist allerdings, dass dieses Ehrenamt Arbeitsplätze kosten kann, noch weniger, dass es genau deswegen geradezu asoziale Züge annehmen kann- auch und gerade im kirchlichen Rahmen.

Landauf, landab sind die Orgelbänke gespickt mit ehren- und nebenamtlichen Organisten und Kirchenmusikern, die zum Teil allen Ernsts meinen, sie würden ihrer Gemeinde und der Kirche schlechthin etwas Gutes tun. Man fühlt sich richtig dolle als Christ. Dass sie aber Berufskirchenmusikern gegenüber asozial handeln, hat ihnen bislang niemand klargemacht. Dasselbe ließe sich auch auf die Sakristeien, die Pfarrbüros, die Pfarrgärten usw. übertragen. Zumeist sind es gelangweilte Rentner, oftmals Studienräte mit guter Pension, die den Berufskirchenmusikern die Arbeitsplätze streitig machen. Studierte Kirchenmusiker sind hochspezialisierte Fachleute, deren Qualifikation aber in dem Moment keine Relevanz mehr hat, in dem es jemanden gibt, der dieselben Arbeiten für weniger oder gar kein Entgelt erledigt. Als pensionierter Studienrat kann man sich den Luxus der Ausübung eines kostenlosen Ehrenamts sicher leisten. Nach Qualität wird in diesem Bereich nur noch in Ausnahmefällen gefragt, ebenso, wie studierten Musikern vielerorts wie selbstverständlich zugemutet wird, sich mit Keyboards und Popmusik auseinander zu setzen. Niveau? Fehlanzeige: Tasten sind Tasten, und Hauptsache, es dudelt irgendwas. Ausrede für die Arbeitsplatzvernichtung ist stereotyp, dass für einen Berufsmusiker die Eigenmittel der Gemeinden nicht (mehr) reichen. Komisch aber, dass ein einziger Pfarrer gleich für mehrere Gemeinen zuständig sein kann, da reichen die finanziellen Mittel und Wege offenbar, und man hat Lösungen parat, ihn zu 100 % auszulasten. Dasselbe Modell ließe sich quasi flächendeckend auf dieselbe Weise auch auf alle liturgischen Folgedienste übertragen- wenn man es denn wollte. Merkwürdigerweise gibt es aber nur verhältnismäßig wenige Beispiele für die konsequente Umsetzung dieser Lösung. Man nimmt lieber kostenlose Rentner, die in ihrem Ursprungsberuf schon seit Jahrzehnten überm Verfallsdatum liegen und eben deswegen ja Rentner sind. Dass sich die durch Kirchensteuermittel finanzierten Kirchen an dieser Stelle ihrer sozialen Verantwortung systematisch entziehen, ist nur deswegen möglich, weil die Politik nicht dagegen einschreitet, Kirchenmusiker sind eben nicht systemrelevant und haben keine Lobby in der breiten Bevölkerung. Dabei hat jeder studierte Kirchenmusiker den Steuerzahler – nicht nur den christlichen – während des Studiums wegen des zahlreichen Einzelunterrichts bei hochdotierten Professoren an der Musikhochschule zigtausend Euro gekostet. Da müsste der Staat doch ein gesteigertes Interesse daran haben, dass diese Leute wertschöpfend am Bruttosozialprodukt mitarbeiten und nicht in irgendwelchen sinnlosen Umerziehungsmaßnahmen beim Arbeitsamt landen. Ist die Ausrottung des kulturtragenden und kulturschaffenden Berufsstands des Kirchenmusikers also systemisch gewollt?

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2 Antworten zu Kirche und Ehrenamt – Orgelmethusalems

  1. B. Bartusch schreibt:

    Bestimmt ist das systematisch gewollt, die Kirche hat sich immer schon auf Kosten anderer bereichert, vor allem denn, wenn es drum ging, Leute arbeiten zu lassen. Wer sich ausnutzen läßt, ist selbst inschuld. Früher gab es dafür Ablaßbriefe. Jesus hat gesagt daß jemand, der arbeiten würde, ein Recht auf seinen Lohn hätte. Das hat die Kirche aber wohl überlesen. Oder es tut vielleicht noch der feuchte Händedruck vom Pastor. überall werden bei der Kirche Stellen in den Gemeinden abgebaut und durch Ehrenamtliche ersetzt, aber wie gesagt, wer sich ausnutzen läßt, ist selbst inschuld.

    • Henny Jahn schreibt:

      Die Leute haben sicher immer gern und freiwillig für die Kirche gearbeitet in der guten Meinung, sie täten etwas Gutes, außerdem haben sie sich gut dabei gefühlt und tun das auch sicher heute noch, denn sonst würden sie ja nicht dort arbeiten. Als Ausnutzen kann man das bei der Freiwilligkeit heute sicher nicht bezeichnen. Das Problem kommt gewissermaßen von der anderen Seite her. Es mag sicher Ehrenämter geben, die keine Arbeitsplätze gefährden (Kinderbelustigung, Seniorenbelustigung, Grillpartyorganisation usw.), weil sie Arbeiten betreffen, die schlichtweg ohne Ehrenamtler nie gemacht würden (es gäbe diese gruppenspezifischen Angebote schlichtweg nicht), aber es gibt eben auch genug Gegenbeispiele, bei denen Arbeitsstellen im Sinne von Planstellen wegrationalisiert werden, mit rein wirtschaftlichem Kalkül, und DAS ist das eigentlich Verwerfliche. Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken, mit dem Zeigefinger auf die böse freie Wirtschaft zeigen, die bitteschön Arbeitsplätze erhalten und schaffen soll (im Verein mit Ver.di und Konsorten) – die eben nicht von (Kirchen)Steuermitteln lebt sondern einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt ist – und gleichzeitig nicht erstmal vor der eigenen Haustür kehren; bei DIESER Doppelmoral liegt der Kern des Problems. Immerhin sind aber die alten, allzu billigen 68er Klassenkampfparolen der Kirche in den letzten Jahren bis auf wenige Ausrutscher doch merklich weniger geworden – auch hier ein Lernprozess?

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